Verlorene Generation

In Europa soll es eine verlorene Generation geben. Wem ist diese Generation verloren gegangen? Und wo versteckt sie sich? Ich muss an Märchen denken und stelle mir eine Generation vor, die plötzlich alleine im Wald steht. Wie Hänsel und Gretel. Eine Generation, die von den Erwachsenen verlassen wurde und sich nun alleine im Wald zurechtfinden muss. Pyjamaparty und Abenteuer. Ein bisschen verwegen und spannend. Wenn man „verlorene Generation“ googelt, stößt man auf eine Generation junger amerikanischer Schriftsteller in den 20er Jahren. Die waren so, wie ich mir die Generation im Wald vorstelle.
„Here was a lost generation…grown up to find all gods dead, all wars fought, all faight in man shaken.“ sagte F. Scott Fitzgerald über seine Lost Generation.  Sehr düster-romantisch. Und kreativ: Die Bücher der Lost Generation sind bis heute bekannt und die verqualmten Pariser Bars dank ihnen ein Mythos.
Wenn man aber die verlorene Generation Europas sucht, stößt man immer auf ältere Menschen mit sicheren Jobs, zumeist Politiker, die von einer verlorenen Generation sprechen, wenn sie die Jugend Europas meinen. Sicher haben sie die Demokratie und vielleicht auch ihre Rente vor Augen wenn sie von uns reden. Verloren gegangen ist die Jugend Europas nämlich dem Arbeitsmarkt. In Europa ist ein Problem ohne Abkürzung kein echtes, ernstzunehmendes Problem und so wurden aus der verlorenen Generation die NEETs.
„Young People not in employment, education or training“ lautet diese sehr europäische Abkürzung ausgeschrieben. Der Begriff wurde durch die „European Fundation for the Improvement of Living and Working Conditions“  (vermutlich EfftIoLaWC) geprägt, die zum Thema Jugendarbeitslosigkeit Studien durchführte und schließlich eine 171 Seite starke Publikation vorlegte, die im Internet zu finden ist.
Laut dieser Studie sind 15% aller EU-Bürger zwischen 15-29 Jahren arbeitslos. Am höchsten war die Arbeitslosigkeit 2011 in Spanien, über 45% aller Jugendlichen dort NEETs. In Griechenland sind es knapp unter 45%.  Dann gibt es einen Sprung nach Osten: Mit über 30% Jugendarbeitslosigkeit folgen Litauen und die Slowakei. Am Ende der Liste finden sich mit unter 10% Deutschland, die Niederlande und Österreich ein.
Bis auf die schockierenden Zahlen überrascht die Studie mit wenig Neuem. Kleinteilig schlüsselt sie auf, dass Jugendliche mit schlechterer Schulbildung kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben und dass nicht alle Arbeitslosen das gleiche Schicksal teilen. Es soll sogar Jugendliche geben, die nach Beendigung ihrer Schullaufbahn als arbeitslos gelten, weil sie sich Zeit für individuelle Projekte oder Reisen nehmen. Auch, dass Jugendarbeitslosigkeit in jedem Land der EU unterschiedliche Ursachen hat, ist keine Neuigkeit und ließ sich beim Betrachten der Zahlen schon vermuten. Die Meisten werden schon einmal davon gehört haben, dass die Arbeitsmarktsituation in Griechenland und Spanien insgesamt im Moment nicht so befriedigend ist.  Im fünften und sechsten Teil der Studie geht es um die Kosten, die Jugendarbeitslosigkeit verursacht. Unterschieden wird zwischen wirtschaftlichen und sozialen Kosten. Der Leser erfährt, dass Arbeitslose teuer sind und arbeitslose Jugendliche weniger Vertrauen in den Staat und die Demokratie haben. Sie engagieren sicher seltener politisch und sind vom gesellschaftlichen Leben oft ausgeschlossen. Wer hätte das gedacht?

Wenig Neues bietet auch die Schlussfolgerung. Guten Erfolg bei der Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit habe man mit dualen Ausbildungen, die es zum Beispiel in Deutschland gibt,  wissen die Autoren der Studie zu berichten. Zu beobachten sei außerdem, dass eine Deregulierung der Arbeitsmärkte zur vermehrten Einstellung von Jugendlichen führt. Deregulierung sei aber auch kein Wundermittel, weil die grade eingestellten Jugendlichen dank der Deregulierung in schlechteren Zeiten sofort wieder entlassen werden würden. Entlassungen und Misserfolge könnten demotivierend wirken.

Die konkreteste Empfehlung, die die Studie vorweisen kann ist also die duale Ausbildung. Tatsächlich scheint diese sinnvoll. Wenn ein Auszubildender statt nur im Betrieb auch in der Berufsschule lernt, sind seine Kenntnisse sicher breiter gefächert und solider. Auch den Ausbildungserfolg von einer unabhängigen Kammer statt nur dem Ausbildungsbetrieb zu überprüfen ist sinnvoll und verstärkt das Vertrauen zukünftiger Arbeitgeber in die Ausbildung des Bewerbers. Das Modell aber auf ganz Europa anzuwenden, fällt schwer, da z.B. die Handwerksbetriebe überall sehr unterschiedlich organisiert sind. Aber selbst wenn man Europa flächendeckend mit dem allerschönsten dualen Ausbildungssystem überziehen würde, frage ich mich, wie das einem griechischen Uni-Absolventen helfen soll Arbeit zu finden.

Zum Glück hat die EU aber noch andere Ideen zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit. Zum Beispiel die „Jugendgarantie“. Klingt vertrauenswürdig und vielversprechend und soll den Jugendlichen in Europa garantieren, dass sie spätestens vier Monate nach Beendigung ihrer Schullaufbahn einen Job oder eine Ausbildung haben. Man hat mal wieder zu den skandinavischen Länder gelinst und gedacht, was die können, können wir schon lange.
Blöd nur, dass Arbeitspolitik  Kompetenz der Staaten und nicht der EU ist. Deshalb ist diese Garantie mithilfe der „Methode der offenen Kooperation“ entstanden. Das heißt, dass die EU etwas vorschlägt und Staaten, die das gut finden, können unterschreiben. Es gibt absolut keine Mechanismen die greifen, wenn einer der Staaten seine Garantie nicht umsetzt. Es ist auch jedem Staat selber überlassen, wie er seine Garantie umsetzt.
Einen Jugendlichen in eine sinnlose Maßnahme zu stecken, ihm ein Praktikum aufzuquatschen oder  als 400 Euro-und-weniger Jobber arbeiten zu lassen ist also eine Umsetzung der Jobgarantie.
Mal abgesehen davon, dass es fast schon Neusprech ist dieses wacklige Konstrukt eine Garantie zu nennen, fühle ich mich an die Schule erinnert. Da hieß es immer, schlimmer als abschreiben ist nur falsch abschreiben. Man hat nämlich nicht daran gedacht, dass die Programm gegen Jugendarbeitslosigkeit in Skandinavien sehr kosten- und personalintensiv sind. Jeder Jugendliche wird dort nach seinem Schulabschluss betreut, Lese- und Schreibkompetenzen werden geprüft und notfalls weiter geschult und zu guter Letzt bekommt der Jugendliche sogar psychologische Hilfe bezahlt wenn er diese benötigt. Wenn das alles nichts hilft, wird der Jugendliche im öffentlichen Sektor untergebracht.

Eigentlich ist das aber auch egal, da Ziel der Jobgarantie vor allem eine  Verbesserung der Statistiken um jeden Preis zu sein scheint. Nirgendwo wird erwähnt, dass die Arbeit, die dem Jugendlichen geschaffen werden soll, würdige Arbeit sein soll. Prekäre Arbeit, Maßnahmen, Niedriglöhne, Praktika und Leiharbeit sind ok, solange man nur nicht als Arbeitslos gemeldet ist.
Deutschland ist da mal wieder stolzer europäischer Vorreiter, wir haben nur 10% Jugendarbeitslosigkeit und einen sogenannten zweiten Arbeitsmarkt, auf dem für einen Euro hin und her geschoben wird, was nicht in den Statistiken auftauchen soll.

Wenn man noch einmal an das Zitat von F. Scott Fitzgerald über die verlorene Generation der 20er Jahre denkt, sieht man, dass sich eine verlorene Generation durch Hoffnungslosigkeit und fehlendes Vertrauen auszeichnet. Man wird mit Programmen, die lediglich die Statistiken schönen, und dualen Ausbildungen in Ländern, in denen der Arbeitsmarkt brach liegt, kein Vertrauen und keine Hoffnung schaffen.
Es müsste darum gehen, die Wirtschaft und Arbeit ganz neu zu denken um der verlorenen Generation wieder eine Chance zu geben. Aber was ist zu erwarten von einer EU die es im Moment nicht einmal schafft die Programme erfolgreich durchzusetzen, die unter den Regierungen der Mitgliedsstaaten eigentlich Konsens sind, wie etwa Deregulierung der Arbeitsmärkte, Privatisierungen und mehr und mehr Wettbewerb. Die EU scheint Ideen- und Machtlos, mutige neue Schritte darf die Jugend Europas da wohl nicht erwarten.

Vielleicht aber kann die verlorene Generation selber aktiv werden und wie die Generation der 20er Jahre wenigsten das Erzählen über sich selber in die eigenen Hände nehmen.
Auf diesem Blog möchte ich in der Zukunft ein Stück dazu beitragen, indem ich auf meiner Reise junge Europäer zu Wort kommen lasse, egal ob NEET oder nicht. Mehr zu meinem Projekt findet ihr hier.

Zu guter Letzt noch ein Zitat aus der NEETs-Studie: „Those with low levels of education are three times more likely to be NEET compared to those with tertiary education, while young people with an immigration background are 70% more likely to become NEET than nationals.“

Die erste Station meiner Reise ist Berlin, in meiner Heimatstadt möchte ich Migration in der EU erforschen. Ich will mich auf die Suche nach  jungen Migranten_innen machen und wissen was, was sie von Europa halten. Fühlen sie sich als Teil der verlorenen Generation?

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One thought on “Verlorene Generation

  1. Pingback: Gauck, Europa und die Werte | frolleineuropa

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