Oh du fröhliche… Kinderbetreuung im Flüchtlingslager

„Wie schwer kann es schon sein, einen Abend auf ein paar Kinder aufzupassen?“ dachte ich. Schließlich arbeite ich im Supermarkt an der Kasse und bin damit fast so qualifiziert wie eine ehemalige Schleckermitarbeiterin, die Kristina Schröder und Ursula von der Leyen ja auch zu Erzieherinnen machten wollte.

Drei Stunden nach dieser Überlegung stand ich in einem kahlen, weißen Raum, in der Mitte ein Tisch, daneben ein abgewetztes Sofa und war den Tränen nahe. Auf dem Tisch kauten dreijährige auf Wassermalfarbenpinseln herum, um den Tisch und übers Sofa jagten in schwindelerregender Geschwindigkeit eine Horde Mädchen und Jungs einem Ball hinterher, der immer wieder in Richtung Fenster flog. In einer anderen Ecke saßen einige ältere Jungs dicht gedrängt um mein Handy herum. Nur gelegentlich wurden Kopfnüsse verteilt, wenn jemand anders spielen wollte.

Ungefähr drei Wochen zuvor war ich auf einem Neueinsteigertreffen des Vereines Multitude Berlin gewesen. Multitude bietet Deutschunterricht in Flüchtlingsheimen an. Auf dem Treffen erfuhr ich, dass ein großes Problem sei, dass viele Mütter wegen ihrer Kinder nicht am Deutschunterricht teilnehmen könnten. Seit einiger Zeit biete man deshalb in einigen Heimen auch Kinderbetreuung während der Deutschstunden an. In Berlin Lichtenberg gab es noch keine, es wurde aber dringend eine gebraucht und so landete ich in dem kahlem, weißen Raum mit den tobenden Kindern.

Die weiße Platte in Lichtenberg ist eigentlich nur ein Auffanglager, das heißt, dass die Geflüchteten hier nur bis zur drei Monaten bleiben sollen. Funktionieren tut das nicht wirklich, die meisten bleiben länger und kennen sich dementsprechend auch gut untereinander.

Kinder im schulfähigen Alter müssten in die Schule, zumindest auf dem Papier. Bevor sie aber in die Schule dürfen, muss ein Arzt sie begutachten und eine Schule Kapazitäten für Flüchtlingskinder haben. Daran scheitert es meistens. Die Schulen sind überfordert mit den Kindern, die kaum oder kein Deutsch können. Oft sind in der Nähe von Flüchtlingsheimen auch einfach schon so viele geflüchtete Kinder in einer Klasse, dass Deutsch lernen unmöglich werden würde, würde man noch mehr dazu packen.

Da der Deutschunterricht aber abends stattfindet, spielte es für mich kaum eine Rolle ob die Kinder in der Schule waren. Erkennen konnte ich es nur daran, dass die Schulkinder besseres deutsch sprachen.

Eigentlich fing alles ganz harmlos an, gemeinsam mit einem Mädchen, das auch zum ersten Mal bei Multitude war, begannen wir mit Achmed zu malen. Achmed ist sechs Jahre alt, kann ein bisschen deutsch und war das liebste, kreativste und gesprächigste Kind was man sich vorstellen kann, bis die anderen Jungs die Kinderbetreuung entdeckten hatten. Erst freuten wir uns noch sehr über jedes Kind, welches den Weg in unseren Raum fand. Alle malten ruhig und eine Mutter stellte sogar eine Schüssel mit Mandarinen auf den Tisch, die problemlos unter allen aufgeteilt wurden. Das ruhige Malen ging nicht lange gut, die Kinder wurden wahnsinnig schnell zappelig, fingen an zu toben und steckten einander damit an. Umso lauter sie waren, desto mehr Kinder bemerkten den Lärm im hellhörigen Gebäude und kamen angelaufen um mitzumachen. Insgesamt leben ungefähr 150 Kinder und Jugendliche in dem Auffanglager, wir können uns glücklich schätzen, dass davon nur circa 20 zu uns gestürmt kamen. Wir beiden Betreuerinnen hatten je ein Kleinkind auf dem Schoß, was uns glücklich zu brabbelte, und versuchten die anderen Kinder davon abzuhalten, sich am Tisch zu stoßen, übereinander zu rennen und ähnliches. Schnell schellte sich raus, dass wir das alles völlig unterschätzt hatten. Die einzigen Materialien in der Multitudekiste waren verschiedene Stifte, Pinsel, Farben und Papier. Das alles flog bald quer durch den Raum. Jetzt hätten wir Alternativen gebraucht. Es war offensichtlich, dass die Kinder nicht still sitzen konnten, sie wirken absolut nicht ausgelastet, so als ob sie den ganzen Tag nur zwischen den weißen Wänden verbracht hätten. Bewegungspiele wollten uns einfach nicht einfallen. Irgendwann probierten wir es mit „Laurenzia, meine Laurenzia mein“. Den Text sangen wir falsch und schief, aber den kleineren Mädchen bis 10 Jahren gefiel es sehr gut. Das Problem war nur, dass in der Zeit die anderen, unbeaufsichtigten Kinder, interessantere Spiele, wie etwa auf dem Tisch hüpfen, fanden. Das lockte die paar begeisterten Laurenzias auch schnell wieder von uns weg.

Das Einzige, was effektive relativ viele Kinder über einen längeren Zeitraum beschäftigte war mein Handy, welches mir aus der Tasche gefallen war, während ich irgendjemanden hinterher rannte. Eine Gruppe Jungs stürzte sich darauf und hatte in wenigen Minuten alle wichtigen Funktionen erlernt. Ich beruhigte mich mit dem Gedanken, dass sie dank Internetflatrate nicht allzu viel schlimmes anrichten könnten und war schlicht dankbar für die Ruhe.

Irgendwie brachten wir die zwei Stunden herum. Immer wieder kamen die Mitarbeiter aus dem AWO Büro, das unter uns lag, rauf und beschwerten sich über den Lärm. Wir konnten nur hilflos die Schulten zucken und uns darum bemühen, dass sich keines der Kinder verletzte.

Nach den zwei Stunden pfiffen meine Ohren und ich hätte mich gerne zum Schlafen auf das abgewetzte Sofa gelegt.

Trotzdem: Diese Woche folgt der nächste Versuch.

Obwohl die zwei Stunden der pure Horror waren, war jedes Kind für sich sehr süß. Esmeralda hing die gesamte Zeit über an meiner Hand und wollte an den Händen in der Luft gedreht werden, ich sagte ihr immer wieder, dass sie sich die Füße an den Wänden stoßen würde, weil der Raum zu klein sei. Als fast alle gegangen waren, drehte ich sie trotzdem eine Runde. Natürlich stießen ihre Füße an die Wände. Ihr schien das nichts auszumachen, strahlend bedankte sie sich bei mir und ließ sich versichern, dass wir wiederkommen würden. Einer der Jungs, die mit meinem Handy spielten, bemerkte meine Hilflosigkeit, als der MP3 Player entdeckt wurde und ich fieberhaft überlegte, ob meine Musik für kleine Kinder geeignet sei. Er nahm allen das Handy weg, sperrte irgendwie den MP3 Player und später, als ich das Handy wieder haben wollte, überzeugte er alle davon, dass der Akku nun alle wäre und sie es mir geben müssten.

Ich bin mir sicher, dass keines der Kinder mit Absicht „böse“ war, wir waren schlicht zu schlecht vorbereitet. Wir hätten Ideen parat und Alternativen zum Rumsitzen und Malen haben müssen.

Das Problem ist leider, dass es in dem Lager zwar einen Kinderraum der AWO gibt, wir den aber nicht benutzen dürfen. Ein paar Spiele habe ich noch hier, aber wenn irgendjemand zum Beispiel ein altes Gummitwistband, einen Gameboy, Twister oder so etwas hat, wäre das grandios. Bitte schreibt mir eine Mail an lilja@frolleineuropa.de

Und auch sonst brauche ich Ideen: Was macht man mit einer Horde aufgedrehter Kinder? Nach draußen können wir leider nicht gehen, nicht alle Kinder haben Wintersachen und im Moment traue ich mir auch noch nicht zu, darauf zu achten, dass kein Kind auf die Straße läuft oder so.

Diese Woche will ich außerdem versuchen, ein Elternteil von den größeren, deutsch oder englisch sprechenden, Kinder um Erlaubnis darum zu bitten, ihr Kind interviewen zu dürfen. Ich bin sehr neugierig darauf, wie ein Kind den Aufenthalt im Flüchtlingslager beurteilt. Was macht es den ganzen Tag? Was wünscht es sich? Wie werden sie Weihnachten feiern, oder feiern sie überhaupt Weihnachten? Offiziell darf keine Familie mehr als ein europäisches Land gesehen haben, da sie sonst dank der sicheren Dritt-Staaten-Regel dorthin abgeschoben werden würden, aber in der Realität haben viele Flüchtlinge schon mehr als von Europa gesehen als die meisten anderen Menschen. Wie nimmt ein Kind Europa war?

Drückt mir die Daumen, dass das klappt!

Euer frollein Europa

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3 thoughts on “Oh du fröhliche… Kinderbetreuung im Flüchtlingslager

  1. Danke für den lebendigen Bericht! Heißt das, dass die schulpflichtigen Kinder einfach nicht zur Schule gehen können? Wie ist das denn möglich, mitten in Deutschland? Müsste es dann nicht Unterricht im Flüchtlingsheim geben?
    Jetzt heißt es doch dauernd, dass wir einen Fachkräftemangel haben und dass der noch schlimmer wird. Und diese Menschen sind hier, wünschen sich nichts mehr als hier bleiben zu dürfen – sollte man da nicht alles tun, um ihnen eine gute Bildung zu ermöglichen?

  2. Hallo Katrin,

    nein, einfach zur Schule gehen können die schulpflichtigen Kinder nicht. Einmal halt wegen der ärztlichen Untersuchung die zu erst stattfinden müsste und dann auch weil es zu wenig Platz an den Schulen gibt. Ich weiß aber auch nicht, ob die Lösung darin liegen würde, dass alle geflüchteten Kinder einfach in die Schule geschickt werden. Die Kinder, die ich gesehen habe, hatten fast alle sehr schlimme Karies und haben ein bisschen gerochen. Nicht schlimm, aber halt nach älteren Klamotten, die nicht so sehr oft gewaschen werden. Ich erinnere mich, dass ich als Kind manchmal ziemlich fies war zu Kindern die irgendwie anders sind. Und diese Kinder könnten anfangs in der Schule nicht mal erklären, warum sie anders sind und wie sie leben. Bis 2004 gab es in Berlin spezielle Integrationsklassen für Flüchtlingskinder. Dort haben die Kinder ein Jahr lang in einer ganz normalen Schule aber in einer eigenen Klasse deutsch gelernt. Erst danach sind sie in normale Klassen gekommen. Diese Lösung scheint mir ziemlich überzeugend zu sein.

    Den einzigen Hinweis darauf, dass Flüchtlingskinder auch Unterricht im Lager erhalten, habe ich hier ( http://www.tagesspiegel.de/berlin/schule/fluechtlingskinder-in-berlin-der-erste-schultag-in-einer-neuen-welt/4124876.html ) gefunden. Ich finde aber den Hinweis des Flüchtlingsrates, dass es so leicht zu Ghettoisierung kommen kann sehr richtig.

  3. Sehr schöner Bericht, ich hoffe du lässt dich nicht entmutigen! Spieleideen findest du z.B: hier: http://spiele.j-crew.de/wiki/Kindergruppenspiele_drinnen oder hier: http://www.dija.de/nc/toolbox-interkulturelles-lernen/methodenbox/. Ist alles ziemlich umfangreich und man muss sich ein wenig durchwühlen, um was passendes zu finden, aber gibt es bestimmt. Ansonsten liegst du mit Musik sicher immer gut. Ihr könnt ja eine “passende” CD zusammenstellen und einfach mal gemeinsam tanzen 🙂 Viel Erfolg bei “deinem” Projekt!

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