Wir gegen Die

Es ist, als würde um mich herum ein perfekt inszeniertes Musical stattfinden. Die eiligen Schritte durch den Schnee sind eine Choreografie, ich traue mich nicht zu blinzeln, aus Angst den Moment zu verpassen, in dem ergraute Männer mit Aktentaschen unterm Arm, Frauen in roten Businesskleidern, Chauffeure und dicke Männer mit hohen Kochmützen sich an den Händen fassen und singen.

Die Kulisse: riesige Glasbauten, ein großes Herz blinkt darauf. Taxis hupen und ein Kamerateam versucht ein viel zu großes Mikrofon durch die Drehtüren zu manövrieren.

Ich warte vorm Europäischen Parlament auf den Assistenten meines ersten Interviewpartners. Frank Engel aus Luxemburg. 34 Jahre alt und Mitglied der Christdemokratischen Fraktion. Mit 34 ist man in der Politik ein Vertreter der jungen Generation. Ich will von ihm wissen, was er für eine Vision für Europa hat und was seine Ansichten von denen, der älteren Generation unterscheidet. Google verriet mir über ihn vor allem, dass es da mal eine skandalträchtige Alkoholfahrt mit 2,9 Promille gab. Danke Herr Engel, dass nimmt die Angst.
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Herz überm Eingang des Parlaments

In der Lobby sitzt eine Gruppe Männer mit bunten Turbanen. Ein dünner, junger Mann mit schickem Anzug holt sie ab. Die Männer müssen sich ducken während sie durch den Metalldetektor laufen, sonst würden ihre Turbane oben anstoßen.

Mr. Engels Assistent erkennt mich sofort. Er raucht noch seine Zigarette auf und führt mich dann zu einem Schalter, an dem ich meinen Pass gegen einen Stoffsticker eintausche. „MEP VISITOR“ prangt nun auf meiner Brust. Ich folge Tom durch die Sicherheitskontrolle. Muss meine viel zu volle, viel zu schwere Tasche durch den Scanner schieben. Zum Glück piepse ich nicht. Mein Blick wandert durch die große Eingangshalle. Tom fragt auf deutsch, ob ich schon studiere, ich erkläre ihm kurz mein Projekt. Fahrig und unzusammenhängend, weil ich abgelenkt bin.Wir folgen einer jungen Frau mit engem Bleistiftrock und hohen Schuhen. Keine Seltenheit hier. In dem engen Outfit sticht ihr Po so sehr hervor, dass mein Blick immer wieder daran hängen bleibt. Geht das allen so? Stört sie das? Ich glaube mich würde es stören.

Noch ist Mr. Engels Büro leer. Kleine Gassen mit schmalen Häusern liegen dem großen Büroturm zu Füßen, von hier oben kann man sie verfolgen und die schiefen Häuschen zählen. Gerne hätte ich mich ans Fenster gestellt und ein wenig gestaunt, aber ich traue mich nicht aufzustehen um auf die andere Seite des Schreibtisches zu gehen. Auf dem Schreibtisch bilden Kopien, Aktenordner und Pralinen ein ganzes Gebirge. In einem Regal daneben reihen sich Alkoholflaschen. Ich muss an die Schlagzeilen denken und grinsen. Das meiste scheinen Geschenke zu sein, fast alles kommt aus Afrika. Ich erinnere mich, gelesen zu haben, dass Herr Engel auch für die Panafrikanischen Beziehungen zuständig ist.

Herr Engel redet schon, bevor er den Raum betritt. In der Hand hält er ein buntes Paket, er reißt es auf, Datteln. Ja, wieder die Algerier, immer schicken die Datteln, das wird ein Dattelfestessen geben hier im Büro irgendwann, sagt er, bevor er mich begrüßt.

Es macht Spaß Herr Engel zuzuhören, er ist ein guter Redner, nur manchmal vielleicht ein wenig zu gewollt lustig. Seine Selbstsicherheit wirkt erschlagend auf mich, das Reden, das sich Verkaufen, das ist neu für mich. Ich suche Ecken um Haken hineinzuschlagen damit ich etwas fragen kann. Ich finde kaum welche und wenn doch, scheinen sie ihn zu freuen.

Wir reden über die Zukunft der Europäischen Union. Meinungsstark und polarisierend,  wären vermutlich Beschreibungen, die er gerne von sich lesen würde. Überraschenderweise gefällt mir aber was er sagt. Er redet davon, wie sehr wir die Union brauchen und dass ihn Nationalstaaten nerven. Immer wieder zündet er sich Zigaretten an und guckt mir dabei forschend ins Gesicht. Erwartet er, dass ich entsetzt bin, weil er nicht fragt ob es in Ordnung ist wenn er raucht? Ich bin wirklich ein wenig verwirrt und versuche ein Pokerface aufzusetzen.

Frank Engel ist sich sicher, dass es die United States of Europe geben wird, er spricht von der Unausweichlichkeit der Vollendung der europäischen Integration. Zuallerst bräuchte es dafür einen Präsidenten, der eine ausschließlich europäische Legitimation hat.

Das Bild, das seine Worte malen, sieht gut aus: Ein Kontinent, auf dem nationale Interessen keine Rolle mehr spielen, es wird weniger Geld für Armeen und Diplomaten ausgegeben, weil schlicht weniger gebraucht werden. Solidarität statt Hetze. In Verhandlungen hat Europas Stimme mehr Gewicht, als die der einzelnen Staaten es hätten und entschieden wird nur noch, was gut für alle ist.

Er spricht über Indien und China. Vor zweihundert oder zweihundertfünfzig Jahren betrug ihr Anteil an der globalen Wirtschaftsleistung 60%. Durch Kolonisation, Imperialismus und Kriege wurden sie zu armen Staaten ohne nennenswerten Anteil an der globalen Wirtschaftsleistung. Aber sie sind dabei sich zu erholen. Und, so sagt er, mehr als hundert Prozent gibt es nun mal nicht, wenn der Anteil der einen steigt, geht der der anderen notwendigerweise zurück. Wenn man damit klar kommen will, so müsse man gemeinsam handeln.

Dann sagt er:

„Es sind entweder die Vereinigten Staaten von Europa in den nächsten paar Jahren, oder es gibt in fünf Jahren Krieg.“

Die Nationalstaaten in Europa sind dazu verdammt Krieg zu führen sagt er und erinnert an die hetzerischen Artikel über Griechenland bzw. Deutschland in der Presse. Aber Krieg? Ich bin verunsichert, trägt er damit nicht eine Spur zu dick auf? Nein, Frank Engel ist sich sicher. Wenn es keine United States of Europe in absehbarer Zukunft gibt, wird es Krieg geben, entweder zwischen den Staaten oder einen europaweiten Bürgerkrieg.

Und deswegen, so fährt er fort, würden die Bürger Europas sich in einem Referendum auch für einen Staat Europa entscheiden, man müsse ihnen nur erklären, dass alles andere ihr Untergang wäre. Ich habe lange nach Gemeinsamkeiten zwischen seiner und der politischen Position der deutschen Christdemokraten gesucht und hier habe ich sie schließlich gefunden: Alternativlosigkeit treibt den Wähler in die richtige Richtung.

Er will ein Referendum über Europas Zukunft, er will mehr Demokratie und einen direkt gewählten Präsidenten. Er ist sich sicher, dass die Wähler das eigentlich genauso sehen, würde es ihnen nur endlich jemand erklären.

Und wie könnte man das erklären?

„Entweder wir erhalten unsere Größe dadurch, dass wir sie einen, oder wir gehen getrennt, aber alle zusammen, der Bedeutungungslosigkeit entgegen.“

Den Satz werde ich auf meiner Reise den Menschen vorlesen und sie fragen, ob sie die EU nun richtiger oder wichtiger finden, denke ich.

Kurz bevor meine Zeit um ist, stelle ich noch eine letzte Frage, eine ungefährliche Frage, nehme ich fälschlicherweise an. Mr. Engels Antwort wird das Interview um mehr als zehn Minuten verlängern. Ich erzähle ihm, dass mein nächstes Land Frankreich sein wird, dass ich dort nach Rechtspopulisten einerseits und nach muslimischen Jugendlichen andererseits suchen will und frage ihn, was für einen Platz der Islam in Europa hat. Mr. Engel antwortet:

„Ich habe zur Kenntnis zu nehmen, dass wenn man die Muslime in der Europäischen Union zusammennimmt dabei eine Bevölkerungszahl raus kommt, die größer ist als die der Niederlande. Der Islam ist also bei uns, aber der Islam ist nicht von uns.“ Ich schlucke. Das klingt hart. In den folgenden Minuten wird seine Ausdrucksweise sogar noch härter.

„Das heißt: Der Islam hat sich gefälligst, daran zu gewöhnen, dass er hier nicht bei sich ist. Wir benehmen uns ja, wenn wir in islamischen Territorien sind, auch so. Ich möchte, dass sich auch hier an bestimmtes gehalten wird.“ Bestimmtes, an das sich gehalten werden muss, sind Werte. Werte, die auf unserer christlichen Tradition beruhen. Halalfleisch bei McDonalds ist okay, ein Kopftuch grade noch so, Moscheen aber gehen gar nicht, erst recht nicht, solange sich „die da“ weigern, Kirchen zu bauen.

„Diese Menschen sind bei uns zu Gast, um es mal so zu sagen, Religionsfreiheit ist ja schön und gut, aber es hat alles seine Grenzen“ und schließlich:

„Ich habe nichts gegen islamische Einwanderer, solange sie sich benehmen.“

Er erzählt Anekdoten vom Schwimmunterricht und Christbäumen, ich konzentriere mich auf seine Wortwahl statt dem Inhalt. Im ersten Teil des Gespräches war das Wort „Grenzen“ ausschließlich negativ besetzt. „Grenzen“ müsste man abschaffen, peinlich seien sie und es wäre toll, dass es kaum noch welche gebe in Europa. Jetzt sind „Grenzen“ durchweg positiv. Der Islam war schon immer der Feind Europas. Es gebe Grenzen, auch für Religionsfreiheit, und wem das nicht passt, der kann ja weg gehen, hinter die Grenzen. „Indogermanisch“ und „Christlich“ sind die Steine aus denen er Grenzmauern baut. Eng ist definiert, wer in sein Europa gehört und wer nicht. Eine Wertegemeinschaft würde er wohl gerne lesen, für mich klingt es wie Volksgemeinschaft.

Das Europa von dem Frank Engel jetzt redet, klingt wie ein Bollwerk gegen alle Fremde. Plötzlich sagt er „Wir“ und „Die“.

Wir gegen Die.

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4 thoughts on “Wir gegen Die

  1. also ich bin begeistert. auch wie du am ende die etwas andere seite entlarvst. und wie du einfach die richtigen worte findest um alles zu beschreiben. hätte auch nur einer unserer texte in der schule zum thema europäische union so ausgesehen…
    ganz liebe grüße aus london

  2. “Jetzt sind „Grenzen“ durchweg negativ.”

    ich glaube dir ist ein fehler unterlaufen: wolltest du in der zitierten stelle wirklich “negativ” schreiben, oder sollte an dieser stelle “positiv” stehen?

  3. Vielen Dank für den interessanten Artikel, liebes Frollein Europa! Es macht Spaß zu lesen was du schreibst und es ist schön, einen Einblick aus deiner Perspektive zu bekommen. Weiter so!

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