Die Höhle des Löwen

Wie ungefährlich. Ein blaues, unspektakuläres Bürogebäude. Ein paar Meter weiter sitzen Männer in einem portugiesischen Restaurant und spielen Karten. Gegenüber des blauen Würfels stehen kleine Häuschen, aber keine schicken Eigenheime, eher die Art von Vorstadthäusern, in deren Vorgärten ausrangierte Möbel vor sich hin schimmeln. Wüsste ich nicht, dass die Rue de Suisse 78 der Hauptsitz der Front National ist, ich hätte es niemals erraten. Nirgendwo ein Schriftzug oder Parteilogo. Am Briefkasten nur Kürzel, der Zaun ist dreckig weiß und verschlossen. Nach kurzem Zögern klingel ich, die Gegensprechanlage knarzt und ich höre eine Männerstimme. „Bonjour“ sag ich und dann die auswendiggelernten französischen Wörter: Ich komme aus Deutschland, mache ein Projekt über Europa und hätte gerne Informationsmaterial oder so was zum Thema EU. Ich bin mir nicht sicher ob der Mann mich verstanden hat. Als er antwortet rauscht die Gegensprechanlage so sehr, dass ich ihn wohl auch auf Deutsch oder Englisch nicht verstanden hätte. Ich stottere irgendwas, er sagt etwas, die Gegensprechanlage rauscht. Stille. Was mach ich jetzt? Das weiße Tor ist noch immer verschlossen. Ich bleibe einfach stehen, gucke in die Kamera, die über mir schwebt und lächle. Nach einer Weile klickt es leise und plötzlich kann ich das Tor öffnen.

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Der Haupteingang liegt an der Seite, hinterm Haus kann ich nassgeregnete Plastikgartenmöbel im Gras liegen sehen. Von außen war das Haus unspektakulär, von innen ist es eine Katastrophe. Halb aufgebaute Billyregale stehen quer, der Boden ist dreckig, die Fenster ungeputzt. Hinter dem Empfangstresen sitzen zwei Männer, einer im Jackett, der anderem trägt einen grauen Wollpulli. Keiner von ihnen spricht englisch, hilflos lächeln sie mich an. Und jetzt? Infomaterial sehe ich nirgendwo. Ein Postkartenspender auf dem steht „Referendum Europa jetzt“ ist leer und staubig. Die Männer überlegen inzwischen, wer im Haus englisch sprechen könnte. Sie rufen Leute an und schließlich erscheint ein junger Mann im Foyer und begrüßt mich. Sein grüner Pulli, kombiniert mit Polohemd und Jeans wirkt in der Umgebung fast overdressed. Die dunklen Haare sind kurz geschnitten. „I’m searching for alternatives for Europe. I’m traveling through seven european countries (…) Here in France I’m trying to find out why young people are so attracted by the front national and if you have any alternatives for Europa to offer.“ „Who pays you?“ fragt der Mann. „Nobody“ sag ich schnell und erkläre, dass ich gearbeitet habe um mir meine Reise zu finanzieren. Zugegebenermaßen, es scheint einigermaßen absurd, dass jemand dafür gearbeitet haben könnte an einem Donnerstagnachmittag unangekündigt in einer dreckigen Lobby zu erscheinen. Aber der Mann ist beruhigt und fragt ob ich ein Interview will. Das läuft besser als ich gedacht hab! Viel besser! Ich folge ihm in sein Büro. Der Flur ist dunkel, auf dem Boden ist der gleiche geräuschschluckende Plastikbelag wie in Krankenhäusern ausgelegt.

Was er sagt ist unspektakulär, er wünscht sich Stabilität, wirtschaftlichen Aufschwung und vor allem: eine kulturelle Heimat. „McDonalds, Starbucks and all that are not our culture“ sagt er. Er erzählt von Freunden, die sich verloren fühlen, keine Identität haben. Europa ist für ihn Kultur und auch das Territorium. Sicherheit spielt für ihn die allergrößte Rolle. Er will, dass Arbeitsplätze hier bleiben und nicht nach China verlegt werden. Migranten sind ein Problem, natürlich.

Über Austritt aus der Eurozone, Todesstrafe und Ablehnung „anormaler“ moderner Kunst sagt er nichts. Vielleicht hätte ich ihn aus der Reserve locken können, hätte ich mehr Zeit und Vorbereitung gehabt. Ich muss ehrlich sagen, ich hab nicht damit gerechnet gleich ein Interview zu bekommen. Der Junge ist 23 Jahre alt und studiert Management in Paris. Sein englisch ist gut, auch wenn er immer wieder das Gegenteil betont. Alles in allem wirkt er wie der perfekte Schwiegersohn. Erst recht als er betont, dass er in ein paar Jahren Familie will und sich einfach nur wünscht, dass seine Kinder geschützt aufwachsen, Traditionen kennenlernen und all das. Wenn Front National noch mehr solche Schwiegersöhne auf Lager hat, verstehe ich ihren Wahlerfolg besser. Das was er sagt unterscheidet sich kaum von dem, was ich in Brüssel gehört habe. Der vielleicht wichtigste Unterschied: Er sagt nicht, dass es kompliziert wäre und eine große Herausforderungen, für ihn ist es klar und simpel: Wir müssen uns nur um unsere Kultur und unsere Wirtschaft kümmern, dann geht es uns wieder so gut wie in den guten alten Zeiten.

Kurz bevor ich gehe, bitte ich ihn um Kontakte in Alsace. Er telefoniert ein bisschen und gibt mir schließlich eine Telefonnummer.

Inzwischen bin ich dort, wo meine Telefonnummer wohnt, in Mulhouse. Habe wieder einen tollen Host und morgen dann endlich mein Treffen mit Julia, Kandidatin der Front National in Alsace.

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4 thoughts on “Die Höhle des Löwen

  1. Fotos werden nachgereicht, dass Internet im McDonalds ist leider zu langsam zum hochladen.
    Und natürlich kommt auch noch der Daniel Cohn-Bendit Post, bald! Er soll bloss genauso gut werden wie das Interview und das braucht noch etwas Zeit…
    Wie immer sind Gedanken/Kritik/Lob/Anmerkungen erwünscht!

  2. und wieder dein blick für die details die das ganze zu einem bild in meinem kopf machen. so als würdest du uns mitnehmen in deiner tasche. als stille beobachter
    liebe aus london

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