Gauck, Europa und die Werte

Der folgende Post ist ein paar Stunden nach der Rede “Europa: Vertrauen erneuern – Verbindlichkeit stärken” von Gauck entstanden. Leider funktioniert auf Reisen nicht alles so wie Zuhause und schon gar nicht das Internet… Hier nun mein hunderster Versuch den nicht mehr ganz so aktuellen  kleinen Kommentar mit Euch zu teilen.

Endlich habe ich ein Mulhouse ein anderes Cafe mit Wifi gefunden als den ewigen McDonalds. Inzwischen träume ich nachts von den immer wieder gleichen Liedern und dem Fettgeruch.
Gefeiert habe ich die Entdeckung der Bagel-Company mit der Gauck-Rede.

Nach fast einer Stunde stelle ich fest: Ich hatte tatsächlich zwischenzeitlich Gänsehaut und sogar einmal, wild nickend, meinen teuren Kakao verschüttet.
Insgesamt hat mich die Rede also positiv überrascht.

Meinen Kakao habe ich umgeworfen, als Gauck daran erinnerte, dass Nationalstaaten auch nichts Naturgegebenes sind. Die meisten von euch wissen sicher, dass ich hier in Frankreich vor allem mit jungen Rechtspopulisten_innen rede. Das Gerede von nationaler Identität hängt mir inzwischen noch mehr als jemals zuvor aus dem Halse heraus. Aber auf meiner Reise habe ich immer wieder festgestellt, dass es nicht nur die Rechtspopulisten sind, die glauben, dass unsere nationale Identitäten so alt sind wie die Menschheit.

Vermisst habe ich Vorschläge, wie die Lage verbessert werden könnte. Nur zweimal wurde Gauck wirklich konkret, einmal als es um die Engländer ging und einmal, als er eine Art Arte für ganz Europa vorschlug. Sicher eine nette Idee, im Kontext fand ich sie aber etwas seltsam. Gauck forderte dieses „Arte für alle“, als es um Europas Demokratiedefizit ging.
Ich denke, dass es Aufgabe der Poltik ist Beteiligungsmöglichkeiten zu schaffen. Ein noch so guter Fernsehsender ersetzt sicher kein Referendum über Europas Zukunft.

Über die junge Generation sagte Herr Gauck auch noch was. Nämlich, dass wir es so gut haben. Dass nie eine Generation so viel Grund hatte zu sagen, „Wir sind Europa“ wie die meine. Ich bin mir da angesichts über 50% Jugendarbeitslosigkeit in manchen Teilen Europas nicht so sicher.
Und das bringt mich zu dem Punkt, über den ich gleich mehrmals gestolpert bin. Gauck und die europäischen Werte.

Werte, Gauck betont sie oft. Verbindlich sein sie. Wörtlich sagt er sogar: „Europa garantiert für freie Medien.“ Lehnt sich er da nicht ein bisschen zu weit aus dem Fenster?

2009 hat die Organisation Freedom House gleich zwei EU-Staaten eine nur „teilweise freie Presse“ bestätigt: Ungarn und Italien. In beiden Fällen tritt die EU nur zögerlich auf, in Ungarn erschien sie teilweise sogar machtlos.

Gauck forderte außerdem eine Vereinheitlichung der Finanz- und Wirtschaftspolitik, der Außenpolitik und der Sicherheitspolitik. Soziale Mindeststandarts in Europa lässt er unangetastet.

Ich finde grade angesichts der drohenden Verarmung weiter Teile der griechischen Bevölkerung, Jugendarbeitslosigkeit und den Problemen in Ungarn, wären konkrete Forderungen nach Maßnahmen, die die Werte Europas grade in der Krise schützen, wichtiger.

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3 thoughts on “Gauck, Europa und die Werte

  1. Ganz nach dem Motto Stéphane Hessels “Empört Euch!” empörst Du Dich sicher zurecht über vieles in dieser Rede. “Insgesamt hat mich die Rede also positiv überrascht.” schreibst Du, das Gewicht Deiner Kritik hinterläßt aber einen gegenteiligen Eindruck. Wann hast Du noch wild genickt? Welche weiteren Betrachtungen empören Dich positiv?

    Übrigens, M. Hessel ist leider heute 95jährig gestorben, in diesem Sinne “Indignez-vous !”

  2. Liebe Lilja, ich finde das großartig, wie Du Dir dein eigenes Bild von Europa machst, und uns daran teilhaben lässt! Toi-toi-toi für alle weiteren Stationen! Viele Grüße aus Heidelberg PS: Wie wäre es mit Free Wlan everywhere statt Arte für alle :-))?

  3. @ Verena, Free-Wlan everywhere würde ich sofort unterschreiben!! Dann könnte man sich ja auch von überall die Arte Mediathek anschauen 😀 freut mich das dir mein Blog gefällt!

    @ Indra, ja du hast recht, im Text überwiegen die negativen Aspekte obwohl ich doch positiv überrascht war. Ich denke das liegt daran, dass mich das große Ganze postitiv überrrascht hat, also das er sich getraut hat übere eine europäische Identität zu reden, sehr persönlich begründet hat warum er Europa gut findet und insgesamt eine mut-machende statt angst-machende Rede gehalten hat.
    Eine sehr schöne Sonntagsrede also, ich hätte mir nur mehr bzw andere konkrete Forderungen gewünscht.

    Von M. Hessels Tod habe ich gelesen. Sehr Schade! Hoffentlich bleibt seine Botschaft am Leben 🙂

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