Europa ist meine Freundin, Tunesien meine Mutter

Ahmed läuft schnell, manchmal komme ich nicht hinterher und dann dauert es einen Moment bis er es bemerkt und stehen bleibt. Wir wandern durch die Calanques. Das ist ein Naturschutzgebiet ein paar Kilometer außerhalb von Marseille. Im Sommer soll es hier sehr voll sein, heute ist niemand da. Der für Marseille typische Wind zerzaust die Sträucher und manchmal drückt er mir so sehr in den Rücken, dass ich das Gefühl habe angeschoben zu werden.

Wir schweigen viel. Manchmal ist mir das unangenehm und ich suche nach Gesprächsthemen weil ich das Gefühl habe, dass ich, der Gast, für die Unterhaltung sorgen muss. Die Calanques sind riesige Felsen, ein bisschen so wie ich mir die Rocky Mountains vorstelle. Am Fuß der Felsen gibt es eine Bucht mit flachen Steinen auf denen sich im Sommer ganz Marseille sonnt. Dorthin sind wir unterwegs. Der Abstieg ist steil und manchmal rutschte ich auf den losen Steinen aus. Ein- oder zweimal falle ich hin, jedes mal dreht sich Ahmed erschrocken um und fragt, ob alles ok ist. Ich bin froh, dass er nie versucht meine Hand zu nehmen um mir zu helfen.
Unten angekommen peitscht der Wind uns das aufgewirbelte Wasser entgegen. Ganze Wolken kleiner Tropfen treiben die Berge hinauf. Wir treffen ein Paar aus Südafrika und im Gespräch erzähle ich ihnen, dass ich Ahmed und Marseille erst ein paar Tage kenne. Die Frau ist überrascht. „Ihr wirkt wie alte Freunde“ sagt sie. Ab diesem Moment kann ich die Landschaft auch schweigend genießen, für alte Freunde muss man keine Show machen.

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Wenn Ahmed etwas erzählt, erzählt er meist von Tunesien. Vor fast drei Jahren hat er Tunesien verlassen um in Frankreich zu studieren. 22 Jahre alt war er damals. Den Arabischen Frühling hat er ganz knapp verpasst.
“Hast du manchmal daran gedacht zurückzugehen als es anfing?“ frag ich ihn.
Ja natürlich“, sagt er und erzählt von Freunden mit denen er fast täglich skypte und dass er jede Nachricht aus Tunesien aufsog wie ein Schwamm. Ihm und allen anderen sei immer klar gewesen, dass es passieren muss. Jeder hätte gewusst, dass die Diktatur gestürzt werden müsse, nur alle hätten immer gesagt „irgendwann“ und niemand hätte einfach angefangen. Ahmed glaubt noch immer an die Revolution, trotz der ganzen schlechten Nachrichten. Er ist sich sicher, dass alles gut wird, sagt er mit einem überzeugenden Lächeln. Ich erzähle ihm von Paul Murphy und seiner Hoffnung auf eine Revolution in Europa. Wieder lächelt Ahmed, sicher gebe es auch in Europa genug Gründe für eine Revolution, aber die Ausgangslage sei eine ganz andere gewesen. Aber andererseits in Tunesien hätte ja auch niemand gedacht: morgen geht’s los.

Ahmed zeigt auf eine Bergspitze und erzählt, dass er letzten Sommer mit Freunden dort hinauf geklettert ist. Besonders der Abstieg durch Geröll sei schwierig gewesen sagt er, hinterher hatten sie alle zerrissene Hosen, aber sie wollten halt wissen ob der schwarze Fleck auf der hellen Wand eine Höhle sei. „Und, ist es eine?“. „Nee“, sagt Ahmend, „nur ein kleines Loch.“ Ahmed wirkt nicht unglücklich wenn er von seinem Leben in Marseille redet, aber leuchten tun seine Augen nur, wenn er von Tunesien erzählt.
Er wuchs in einem kleinen Ort auf, in dem jeder jeden kennt. Wenn er Mist baute, hieß es nicht: Das war Ahmed. Die Leute sagten: Das war der Sohn von dem und dem.
“Aber ist das nicht auch ein großer Druck?
Schon, überlegt er, manchmal hat er hier mehr Freiheit. Er ist nur für sich verantwortlich, nicht für seine Familie.


Ahmeds Vater ist ein kluger Mann. Als Ahmed kleiner war nahm sein Vater ihn oft mit zu Ausflügen. Nie nahmen sie Proviant mit. Stattdessen zeigte der Vater dem Sohn was die Natur alles zum Essen bereithält. „Heute habe ich das alles vergessen“, sagt er, während wir Blätter von einem Strauch zupfen und sie zwischen den Fingern zerreiben. Sie riechen gut, aber ob man sie essen kann wissen wir nicht.
“Und deine Mutter?“
Er erzählt von einer starken und lustigen Frau. Lange Jahre ging sie nur verhüllt auf die Straße, dann eine Zeitlang wieder nicht und heute hat sie sich wieder dafür entschieden sich zu verschleiern. Ohne dass ich was dazu sage beginnt Ahmed seine Mutter zu verteidigen. Es sei ihre eigene Entscheidung, der Vater würde sie nicht zwingen. Er sagt, manchmal habe er das Gefühl, dass Frauen in Tunesien mehr Freiheiten hätten als Frauen in Europa. In Tunesien würde niemand für das Tragen oder Nicht-Tragen eines Kopftuches verurteilt.

Es ist mein letzter Abend in Marseille. Ich werde bei einer Freundin von Ahmed schlafen, doch vorher will ich im Hello Marseille Hostel Abschied nehmen. Das Hostel war meine Homebase in Marseille. Morgens kam ich mit meinem Rucksack, stellte ihn in eine Ecke, Frühstückte und wenn ich abends einen Schlafplatz gefunden hatte, kam ich zum gemeinsamen Abendbrot mit Hostelgästen und Mitarbeitern wieder, um mich danach mit meinem Rucksack auf den Weg zu machen. Ahmed kennt das Hostel auch, Freunde von ihm helfen bei den Renovierungsarbeiten im Badezimmer. Und da die eh immer mitessen, isst auch Ahmed mit. 

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Gibt es Freiheiten in Europa, die es in Tunesien nicht gibt?“ “Ja, sicher“ sagt er. Schon alleine dass Europa reicher ist, ermöglicht viele Freiheiten. Die Demokratien sind hier etablierter. Als er das erzählt lacht er und erinnert sich, dass er früher dachte in Europa wären alle Menschen gute Bürger. Seine Illusionen zerplatzten als er sah, dass die Leute auch hier Müll auf die Straßen schmeißen und vor allem ihre Hunde überall hinkacken lassen. Manchmal, sagt er, hat er das Gefühl, die Leute hätten in Europa Haustiere statt Kindern. In Tunesien hält eigentlich niemand Hunde im Haus. Außer Ahmeds Vater, der traf einmal einen Mann mit einem sehr lieben Hund als Haustier. Das hat ihm so gefallen, dass bei Ahmed Zuhause die Hunde ins Haus dürfen obwohl die Nachbarn komisch gucken. Trotzdem mag Ahmed Kinder lieber als Hunde.
“Und könntest du dir trotzdem vorstellen in Europa zu bleiben?“
“Europe ist my girlfriend, Tunesia my mother – Europa ist meine Freundin, Tunesien meine Mutter“, sagt er und dass er auf jeden Fall irgendwann zurück will. Aber erst will er noch ein bisschen mehr von Europa sehen. Mit seinem Studentenvisa kann er in alle Schengen-Staaten ohne Probleme einreisen.

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Ahmed bezeichnet sich nicht als Europäer, er ist Tunesier. Trotzdem ist er ein in Europa lebender Muslim. Mir war das ehrlich gesagt gar nicht bewusst, bis zu einem Abend im Hostel, an dem wir Schweinefleisch zusammen mit Gemüse angebraten haben. Einfach weil es bei weitem das billigste Fleisch im Supermarkt war. Ahmed und einer der Bauarbeiter wollten nichts von dem Essen. Zum Glück hatten wir noch genug Salate und Baguette. An diesem Abend erzählte einer der Hostelgäste am Tisch etwas über Evolution. In irgendeiner Zeitung hatte er irgendeinen neuen Fakt über Evolution gelesen der ihn begeistert hatte und den er mit uns teilen wollte. Jemand fragte Ahmend nach seiner Meinung und er sagte, dass er nicht an Evolution glaube. Er glaubt daran, dass alles von einem Schöpfer erschaffen wurde. Es scheint ihm absurd, dass der Mensch mit dem Affe verwandt sein soll. Ich dachte eine Weile darüber nach und schließlich fragte ich ihn: „Glaubst du dann auch, dass Mann und Frau erschaffen wurden und es gegen die Schöpfung ist, wenn Mann und Mann oder Frau und Frau sich lieben?“ Ahmed lachte. Er sehe da keinen Zusammenhang. Jeder soll leben wie er will, damit ob der Mensch vom Affen abstammt oder nicht hat das nichts zu tun.

Nach dem letzten Abendessen im Hostel haben wir die letzte U-Bahn verpasst. In Marseille geht das sehr schnell, lange vor Mitternacht werden die U-bahnhöfe zu gesperrt. Zumindest unter der Woche. Zum Glück gibt es die Vélos. Silberne Fahrräder die an ihren Stationen überall in Marseille auf Fahrer warten. Im Regen fahren wir vom Hafen aus den Berg hoch bis zu Ahmeds Freundin Anne-Charlotte, die mich für die letzte Nacht bei sich aufnimmt. Anne-Charlotte ist eine französische Verwaltungsbeamtin, die mir gestanden hat, dass ihr Job ihr Spaß macht, sie das aber nie erzählen kann, weil alle die französische Verwaltung hassen. Wenn sie gefragt wir, was sie arbeitet, sagt sie deswegen immer: etwas mit Kommunikation. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ahmed wartet im feinen Nieselregen bis Anne-Charlotte die Tür aufsummt, dann fährt er auf seinem Vélo die Straße wieder runter.

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