Wenn Wowereit Diktator wäre…

Für 30 Lei hätte ich im Eingangsbereich fotografieren können: braun in braun gehaltenes Inventar. Hellbraunen Steinfußboden und eine einige Nuancen dunklere braune Steindecke. Braune Glasaufstellwände. Transportabel und furchtbar hässlich. Der Souvenirladen und ein mysteriöses Büro werden aus diesen braunen Glaswänden gebildet. In dem Geschäft hätte ich die schlecht gelaunte Verkäuferin oder die hässlichste Postkartenauswahl, die ich je gesehen habe, fotografieren können.

Ich hatte aber keine 30 Lei. Das sind sind etwa sieben Euro fünfzig und ich hätte sie gebraucht um die Erlaubnis zu erhalten im Palast des Parlaments in Bukarest zu fotografieren. Stattdessen habe ich nur meinen Ausweis gegen ein Metalschild zum Umhängen getauscht und mir eine Karte für die Führung durch das monströse Haus gekauft.

Foto0373

Das zweitgrößte Haus der Welt, nach dem Pentagon in Washington, wurde 1984 gebaut und ist angeblich bis heute unvollendet. Ich kann das nicht beurteilen, während meiner einstündigen Führung, bei der man die Gruppe auf gar keinen Fall verlassen darf, habe ich nur etwas weniger als 5% des gesamten Gebäudes gesehen. Circa 3100 Räume verteilen sich auf 330.000 Quadratmeter. Wofür die genutzt werden? Der kleine Mann, der damit beauftragt war, die Touri-Gruppe durch die riesigen Hallen zu führen beantworte diese Frage gleich im ersten Raum. „You like it?“ Wir standen auf der Bühne eines Amphitheatermäßig geformten Raumes. Keine Überraschung – alles war in Braun- und Goldtönen gehalten. „You like it, you can rent it!“ [Wenn Sie es mögen, können Sie es mieten] Zwischen 5.000€ und 10.000€ kostet der Spaß für einen Tag. Man sollte allerdings nicht versuchen, den Saal als Theater zu nutzen, es wurde nämlich leider vergessen ein Umkleidebereich für die Künstler einzubauen. Die Braun-Dominanz verschwand, wir liefen durch rosane Mamorsäle, weiße Mamorsäle, Säle mit Seide in allen möglichen Farben an den Wänden und immer wieder hieß es: You like it, you can rent it!

Diese riesigen Räume zu mieten würde ich allerdings nur Menschen mit einer großen Liebe zu Raumteilern empfehlen. Ohne die kleinen braunen Glaswände, die Couchecken vom Rest abtrennen oder dem Personal hinter einer Bar ein klein bisschen Privatsphäre ermöglichen, sind die Hallen kaum nutzbar.
Nach einer Weile merkte ich, dass ich heimlich Fotos machen konnte, wenn die Gruppe ein wenig vor lief. Allerdings nur mit meinem Handy und ziemlich hektisch. Ich glaube niemand hätte mir sonst geglaubt, dass reine Diamanttüren (also alles was da aussieht wie Glas) so unglaublich unspektakulär aussehen können.

Foto0386

Jeder Stein in diesem Haus, jedes Stückchen Vorhangseide und jeder Teppich stammen aus Rumänien. Angesichts der Marmormassen wundere ich mich, dass es überhaupt noch Berge in Rumänien gibt.

Foto0378

Ein Saal, wie für riesige Bälle gemacht. Ludwig XIV wäre wohl begeistert gewesen.

Foto0380

Im Gegensatz zu jedem anderen Gebäude dieser Art was ich jemals sah, ist dieses monströse Ding aber nicht für ein Monarchen gebaut. Ceausescu, Rumäniens stalinistischer Diktator, ließ es als Verwaltungspalast, genannt „Haus des Volkes“ erbauen. Mehr als 20.000 Arbeiter schufteten in drei Schichten, 24 Stunden lang jeden Tag für fünf Jahre.

Inspirieren ließ sich Ceaușescu bei einem Besuch in Nordkorea. Kurz vor dem Besuch wurden große Teile Bukarests bei einem Erdbeben beschädigt und kurz nach dem Besuch in Nordkorea mähte Ceaușescu ein Sechstel der beschädigten Stadt nieder um diesen Palast und eine Prachtmeile im gleichen Stil zu erbauen. Das erklärte Ziel war es, dass das Haus eindrucksvoll riesig und die Prachtmeile länger als die Champs-Élysées werden sollten. Beides ist ihm geglückt.

Aber das könnt ihr auch auf zahlreichen anderen Webseiten nachlesen. Zum Beispiel bei einestages auf Spiegel online. Wobei die Information, dass Michael Jackson vom Balkon des Palastes “Hello Budapest” rief, falsch ist. Der kleine Versprecher passierte auf dem Balkon des National Stadions.

Das ganz Gebäude hat mich sehr an den Justizpalast in Brüssel erinnert. Ebenfalls ein riesiges Gebäude, auch nicht zum darin leben sondern halt für die Justiz. Als ich in Brüssel davor stand, dachte ich nur, dass Belgien ein gewaltiges Kriminalitätsproblem zu Zeiten König Leopolds II gehabt haben muss. Gefühlt muss jeder zweite Belgier muss kriminell gewesen sein um das riesige Gebäude auch ordentlich zu nutzen.

Für den Justizpalast in Brüssel arbeiteten sich tausende Sklaven aus den ehemaligen belgischen Kolonien zu Tode, für den Palast des Parlaments in Bukarest starben viele Zwangsarbeiter. Trotzdem war unser Guide stolz auf das riesenhafte Gebäude. Zu jedem Vorhang nannte er das Kloster, aus dem die Seide kam und als er mit der Hand über die vielen Marmorhandläufe strich, bemerkte er sichtbar traurig, dass die Fabrik aus der dieses Marmor stammt inzwischen geschlossen ist. Endlich fragte ihn irgendwer aus unserer Gruppe, wie er persönlich Ceaușescus Regime wahrgenommen habe. Er überlegte nur kurz und deutete dann mit seinem Armen auf das ganze Marmor was ihn umgab: „Sowas gibt es heute nicht mehr, heute schaffen die es nicht mal mehr eine neue Ubahnlinie zu bauen.“ Und später sagte er dann zu mir: „In Berlin, da bauen die doch auch schon ewig an dem Flughafen und fertiger wird der auch nicht. Heute kann man nichts Großes mehr bauen.“

Advertisements

3 thoughts on “Wenn Wowereit Diktator wäre…

  1. Wundervoller Post =) ich muss sagen, ich bin ja ein Riesenfan von diesem alten Baustil, ich liebe das Verschnörkelte, Prunkvolle, die hohen Räume und so… aber wenn man dann die Geschichte dahinter erfährt, ist das dann doch nochmal was ganz anderes… Besonders der letzte Abschnitt hat mich zum Nachdenken gebracht, denn irgendwie ist da ja schon was dran… aber vermutlich würde ich anders denken, wenn ich einer der Sklaven gewesen wäre o.O LG, Héloise

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s