Old Style Breb

Den ersten Teil meines Breb-Märchens könnt ihr hier nachlesen.

Kurz vor zehn am nächsten Morgen stehe ich vor der schweren Holzeingangstür der kleinen Häuschens und versuche verzweifelt den Schlüssel in dem 200 Jahre alten Schloss zu drehen. Der Schlüssel ist größer als meine Hand und abzuschließen ging ganz leicht. Aufschließen nicht. Leise fluche ich. Im oberen Schlafzimmer schläft ein Paar aus der rumänischen Gruppe, sie waren unerwartet ein wenig mehr und so bin ich ins Wohnzimmer neben den Ofen ausgewichen. Wir waren lange wach, haben am Lagerfeuer gestanden, gegrillt und erfolglos versucht mir Volkstänze beizubringen. Ich bekomme die Tür meines Schneewitchenhauses einfach nicht auf und will weder die anderen wecken, noch zu spät zu meiner Verabredung mit Chris und seiner Familie kommen. Schließlich öffne ich die vier Fensterflügel des kleinen viereckigen Fensters und springe auf die Holzveranda. Außer mir sind nur die Hühner wach, sie picken in den Resten des Lagerfeuers von gestern herum und gucken mich mit wackelnden Köpfen interessiert an. Das Dorf ist wie ausgestorben, es ist Sonntagmorgen, wer nicht in der Kirche ist, schläft noch oder ist beim Frühstück. Christis Familie ist fertig mit dem Essen, sobald ich aber die Küche betrete, werden die unzähligen Schüsseln und Teller wieder auf den Tisch gestellt. Ein Schafshirte hat frische Milch vorbeigebracht und Mariana hat daraus eine Art gelben Grieß gekocht. Georgs Frühstücksshot Tuicā lehne ich dankend ab.

Tuicā, Horincā oder Palinka unterscheiden sich, meiner Meinung nach, kaum voneinander. Alle drei sind selbstgemachte, starke Obstbrände. Ich vermute, dass der Unterschied in einer, für nicht eingeweihte unerkennbar, unterschiedlichen Rezeptur liegt. Gemeinsam haben sie, dass sie in durchsichtigen Glasflaschen gelagert werden, in denen ein Kunstwerk aus Holz schwimmt. Das Holz gibt dem Alkohol eine goldene Farbe und einen ganz besonderes Geschmack. Wenn man den mit tränenden Augen und brennendem Hals noch in der Lage ist, auf den Geschmack zu achten. Die hölzernen Kunstwerke bestehen immer aus einem langen, mit Schnitzereien verzierten Stab in den Querhölzer so gesteckt werden, dass sie Kreuze oder Blumen bilden. „Was machst du an Abenden oder im Winter, wenn du nicht draußen sein kannst?“, habe ich Christi gestern gefragt. „I work on my bottles. I show you tomorrow“ [Ich arbeite an meinen Flaschen, ich zeigs dir morgen], antwortete er. Zwischen der Küche und der Eingangstür ist eine Art Korridor, ein lichtdurchfluteter Raum in dem ein Tisch steht an dem Christi sitzt, wenn er an den Schnitzereien arbeitet. Flink ritzt er mit einem Messer Kerben in den hölzernen Stab. Jede Kerbe sieht gleich aus und hat den gleichen Abstand zueinander. Es sieht aus, als würde Christi Butter schneiden. Ich schaffe es zwar, dass Messer genauso zu halten wie Christi aber bei mir ist das Holz nicht butterweich und das Messer hinterlässt kaum eine Spur. Weil ich aber unbedingt helfen will, darf ich schließlich die fertigen Hölzer polieren. Nachdem Christi den Stab und alle Querhölzer fertig geschnitzt hat, kommt der komplizierteste Teil. Mit einem langen gebogenen und angespitzten Draht schiebt er mit ruhiger Hand die Querhölzer in die für sie vorgesehenen Löcher. Ich glaube ich brauche nicht zu erwähnen, dass ich beim Versuch es ihm gleichzutun kläglich scheiterte. Etwa zwei oder drei Tage braucht Christi für eine Flasche. Nur wenige Flaschen bleiben im Dorf, die meisten verkauft er für 10€ an einen Spanier, der sie dann in Spanien weiterverkauft.

DSCF3631

Die unterschiedlichen Muster auf den Hölzern habe verschiedene Bedeutungen, generell kann man aber sagen, dass sie für Glück und ein langes Leben stehen. Glücksbringer also. Meine Unterstützerin Katharina hat sich einen Glücksbringer aus Rumänien gewünscht und sobald ich herausfinde, wie ich die Flasche am besten versende, hoffe ich, dass sie und ihre Familie mit einer Glücksflasche Tuicā anstoßen können.

DSCF3635 DSCF3634 DSCF3632

Meine Frage, wo er gelernt hat, die Schnitzereien herzustellen, beantwortet Christi indem er seine Jacke nimmt und sich Schuhe anzieht. Ich tue es ihm gleich und wir laufen durchs Dorf, bis wir bei einem weiteren Holzhaus ankommen. Christi klopft an die Tür und nach einer Weile kommt ein sehr alter Mann heraus. Er läuft langsam und auf einen Stock gestützt. Der alte Mann führt uns zu einem Schuppen, in dem, in Reihen aufgestellt, an den Wänden hängend und gestapelt tausende traditionelle Schnitzereien sind. Stempel, Löffel, Nussknacker, Fenster- und Tuicāflaschendeko. An den Wänden hängt eine Tapete aus Urkunden und Diplomen. Sie bescheinigen ihm, einer der besten Handwerker der Region zu sein. Jede freie Minute verbringt Christi hier und lernt von dem alten Mann nicht nur die Arbeit mit Holz. „Er ist auch eine Art Großvater, ich erzähle ihm alles und er gibt sehr weise Antworten“ sagt Christi.

DSCF3639

Inzwischen ist auch die rumänische Gruppe wach und wir laufen alle zusammen bis zur kleinen Holzkirche am Ende des Dorfes. Die Holzkirchen sind das Wahrzeichen der Region. Die kleine Kirche in Breb ist ein Geschenk der russisch orthodoxen Kirche an die römisch katholische Kirche um die Freundschaft und das friedliche Miteinander in der Region zu fördern. Deswegen finden sich auf dem Friedhof neben der Kirche sowohl die traditionell orthodoxen Kreuze als auch die katholischen Grabsteine.

DSCF3652

Mittag essen wir wieder bei Mariana. Wie so oft fragt anschließend niemand, ob ich mit möchte sondern alle ziehen sich einfach an und es wird gesagt: Wir gehen Spazieren, kommst du?

Es wird ein langer Spaziergang zum Land eines Nachbarn. Georg hat drei Jahre in der rumänischen Armee gedient, das Soldatendasein hat ihm nicht wirklich gefallen, umso mehr aber das Armee-Theater. Den Spaß am Spielen hat er nicht verloren. Georg wartet, anders als Mariana, nie bis Christi etwas für mich übersetzt. Er spielt es mir einfach so oft vor, bis ich es verstehe. Wir können an keinem Hügel vorbei gehen, ohne das er mit mir ein Wettrennen macht wer zuerst oben ist und schon gar nicht können wir an einem der vielen Bäche vorbeigehen ohne das Georg so tut, als würde er mich hinein schubsen, um mich dann im letzten Moment doch noch festzuhalten. Er zeigt auf einen Baum und fragt mich pantomimisch, ob ich es schaffen würde dort hinauf zu klettern. Ich schüttle den Kopf, Georg lacht und rennt los. Mit einer einzigen Bewegung zieht der 59 Jahre alte Mann sich zum ersten Ast hinauf und springt weiter zum zweiten. Ich bin sprachlos und Christi sagt etwas auf rumänisch, was unmöglich etwas anderes als Angeber heißen kann.

DSCF3661

Die rumänische Gruppe hat sich direkt nach dem Spaziergang zu der Holzkirche verabschiedet und als Christi Georg erzählt, dass ich nun ganz alleine bin, schlägt dieser vor, dass ich bei ihnen schlafen könnte. Zumindest vermute ich, dass es so war. Bei mir kommt nur die kurze, übersetzte Essenz des Gespräches an: „You can stay with us“ [Du kannst bei uns schlafen].

Die anderthalbe Tage mit Christi und seiner Familie waren toll, aber ich bin müde und es nicht gewohnt, die ganze Zeit mit anderen Menschen zusammen zu sein. Es ist nicht, dass ich nicht bei der Familie übernachten will, nur … Kann es sein, dass es falsche Signale aussendet, wenn ein junges Mädchen bei der Familie eines 18 jährigen Jungens übernachtet? Ich weiß, dass die Familie auf gar keinen Fall Geld von mir möchte, aber was dann? Ich fühle mich schäbig. Immer wieder ertappe ich mich dabei, mich zu fragen, warum die Familie das alles für mich tut. Warum sie so nett sind. So als würde ich nach einem bösen Motiv suchen.

Zurück im Hostel rufe ich als erstes Maria an, mein Handy hat zwar kein Empfang aber sie hat mir eines dagelassen, mit dem ich sie erreichen kann. „Maria, die Familie hat mich eingeladen bei ihnen zu übernachten und ich weiß nicht so richtig was ich darüber denken soll, kannst du her kommen?“, frage ich sie und Maria kommt sofort. Die Leute im Dorf sein immer freundlich zu den Hostelgästen gewesen und hätten sie auch oft mal zum Essen eingeladen, aber das sei noch nie passiert sagt sie. Sie kennt Christis Familie nicht näher. Aber das muss nichts schlechtes sein, getratscht wird im Dorf vor allem über die, bei denen sie mir nicht raten würde zu übernachten. Maria will wissen wie alt Christi ist und als ich 18 sage bin ich erleichtert, zu sehen, dass sie das gleiche denkt wie ich. Ich erzähle ihr, wie schlecht ich mich fühle weil ich überhaupt nach einem Motiv suche und unschlüssig bin, ob ich das Angebot annehmen will. Es kommt mir undankbar und fies vor. Aber Maria versteht mich. Es tut weh sich immer zu fragen, warum jemand etwas für einen tut, aber das Misstrauen, geboren aus von-wegen-geschenkt-Abofallen und dem Spruch „Es gibt nichts umsonst im Leben“ ist nun mal da. Vielleicht nicht bei Christi und seiner Familie. Im Buch beschreibt William Blacker Breb von vor 20 Jahren. In diesem Breb war es ganz normal Reisende aufzunehmen und zu teilen was man hat. Maria, obwohl in Breb aufgewachsen, und ich sind nicht Kinder dieser Zeit. Ich habe gelernt, dass man nicht mit Fremden mitgeht und das wildfremde Menschen, die einem etwas schenken selten was gutes wollen. Aber vielleicht sind Christi, Mariana und Georg Kinder dieser Zeit. Vielleicht wollen sie einfach gar nichts dafür, mich bei sich aufzunehmen und wahrscheinlich ist es ihnen völlig egal wie alt ich bin und wie alt Christi ist. Vielleicht sind sie einfach Old-Style Breb sagt Maria. Und ist es nicht genau das, wovon ich geträumt habe?

Schlussendlich dreht Maria den großen Schlüssel im Schloss um und ich mache mich mit dem großen Rucksack auf den Weg zum Häuschen am anderen Ende des Dorfes.

Georg lacht über meinen großen Rucksack und scherzt, dass er mich mit dem Pferd hätte abholen sollen. Mariana ist grade mit dem Abendbrot fertig geworden und Christi schleppt meinen Rucksack, selber tragen darf ich ihn nicht, in mein eigenes Zimmer, was früher seiner großen Schwester gehört hat. Nach dem Essen bittet Mariana uns, Käse von einer Nachbarin zu holen, die Kühe besitzt. Wir springen über Bäche und laufen durch Obstgärten bis wir bei der fülligen blonden Frau mit den Kühen ankommen. Die Frau ist kleiner als ich, trägt das traditionelle Kopftuch und lächelt breit. Sie gibt uns nicht nur  Käse sondern auch runde, süße Gebäckstücke zum Probieren. Sie sind mit Puderzucker bestreut, der sich auf meine Jacke legt wie frisch gefallener Schnee. Auf der Straße vor dem Haus sammeln sich ein paar Kinder, sie rufen Christi etwas zu und wollen offensichtlich, dass er mit ihnen Fußball spielt. Bevor er zu ihnen läuft, fragt er mich ob das auch wirklich ok wäre, weil ich ja nichts verstehen würde. Ich gebe auch ohne rumänisch Kenntnisse einen passablen Torwart ab, zumindest wenn ich mit einem Haufen Zehnjähriger spiele. Unter ihnen ist ein kleines Mädchen mit einem langen, geflochtenen Zopf, der beim Rennen um sie herum fliegt. Das Mädchen spricht kein englisch, strahlt mich aber die ganze Zeit an. Irgendwann verschwindet sie und kommt mit einem Strauß selbstgepflückter Frühblüher wieder. „Für zuhause, damit du dich erinnerst“ übersetzt Christi. Bevor das Bullerbü-Gefühl mich erschlägt, machen wir uns wieder auf den Weg nachhause. Morgen ist Montag, morgen muss wieder gearbeitet werden. Um sechs Uhr morgens soll es losgehen hat Georg mir erzählt und sich gefreut, dass ich meinen entsetzten Blick nur schwer verstecken konnte. Zurück im Haus falle ich ins Bett, kann aber noch nicht sofort schlafen. Die Welt, in die ich geraten bin, ist so unwirklich, so anders als alles andere bisher erlebte und so freundlich. Besonders hier in Breb, aber auch überall anders in Rumänien, waren alle unglaublich nett zu mir. Es tut weh an die vielen, vielen Rumänen zu denken, die irgendwo anders in der EU Arbeiten und zu wissen, dass die niemals so freundlich behandelt werden wie ich hier.

Aber dazu morgen mehr, im dritten und letzten Teil meiner Breb-Erlebnisse.

Advertisements

8 thoughts on “Old Style Breb

  1. oha! Ich finde es faszinierend wie sehr sich unsere Kultur mit anderen unterscheidet.
    Hier in Deutschland ist ein Glücksbringer höchstens ein Kuscheltier, was man für 2,99€ gekauft hat. Oder so.
    Schöner Post
    miau~ Nira

  2. Du schreibt schön. Ich werde deine Reise verfolgen 🙂

    Wegen dieser Natürlichkeit gefällt mir der Osten so gut. Mit tun die Kinder Leid, die in dieser modernen Welt aufgewachsen sind. Diese Freundlichkeit, diese Offenheit, die Tiere, die Natur…das alles lernen sie nicht kennen!

    Ich finde es übrigens ziemlich mutig von dir, dich auf so eine Reise einzulassen. am anfang dachte ich noch, dass du diese Geschichte erfindest…es klingt einfach unnatürlich – aber sehr schön!

  3. Pingback: Ein Montag in Breb | frolleineuropa

  4. Pingback: Blogger schenken Lesefreude / International Day of the Book | frolleineuropa

  5. Du schreibst wirklich gut, ich schliesse mich deinen Fans an.
    Es gibt Journalisten in der überregionalen Presse, die bestimmt keine so gute Reportage schreiben können.
    Weiter so !

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s