Schule abreißen oder Müll wegräumen?

Monica wartet schon an der Haustür auf mich. Jemand muss sie angerufen haben um zu sagen, dass ein seltsames Mädchen auf dem Weg zu ihr ist. Bevor sie mich fragen kann, wer ich bin und was ich will, hängt ein Kind an meinen Beinen. Ein kleiner, goldlockiger Junge schaut zu mir herauf und quakt etwas auf rumänisch. „Das ist David“ informiert Monica mich.

Ich folge ihr in ein Zimmer mit bunten Comicfiguren an den Wänden. Auf einer Kommode stehen ein kleiner Fernseher und ein DVD-Player. David verschwindet irgendwo hin, kommt mit einem kleinen Hocker wieder und stellt ihn vor die Kommode. Einmal hinaufgeklettert beginnt er begeistert auf den Knopf am DVD-Player zu drücken, der das Schubfach für die DVD auf und zu gehen lässt. Nachdem ich Monica erklärt habe, wer ich bin und was ich mache, erzählt sie mir von sich.

DSCF3755traditionelles Haus mit Stohdach

Monica

Monicas Mann ist in Crisan aufgewachsen, kennengelernt haben sie sich in der nächstgrößeren Stadt Tulcea. Weil ihr Mann sich nicht vorstellen konnte, das Donau Delta zu verlassen zog Monica, das Stadtkind, zu ihm. Obwohl sie die Natur und das Leben im Delta liebt, ist es nicht einfach in Crisan zu leben. Es gibt wenig Arbeit hier und schon gar keine gutbezahlte. Ihr Mann hat sich ein Geschäft mit Stroh aufgebaut, als einer der einzigen im Delta liefert er das Material für die zahlreichen, traditionellen Dächer der Region. Monica ist Ökologin. Sie hat gleich mehrere Jobs. Zum einen arbeitet sie im Sommer in dem Informationszentrum des Donau Deltas, zum anderen unterrichtet sie an der Schule wenn Lehrer knapp werden und macht mit den Kindern Umweltprojekte. Dieses Jahr bauen sie zusammen einen Kompost hinter der Schule. Jedes Kind bringt den Biomüll von Zuhause mit und dann schichten sie es zusammen mit Holz und Pferdeäpfeln auf. Das klingt banal aber ist tatsächlich die einzige Möglichkeit hier zu lernen, dass man Müll recyclen kann. Aber dazu später mehr.
David hat inzwischen den Knopf neben dem DVD-Player entdeckt und schaltet nun den Fernseher an und wieder aus, an und wieder aus… Als Monica ihn von dem Stuhl hebt, wird er quengelig. Klares Zeichen dafür, dass hier jemand einen Mittagsschlaf braucht. Bevor ich gehe, bietet Monica mir noch an, dass sie mich morgen früh in die Schule begleitet könnte. Sie würde mir dort den Kompost zeigen und übersetzen falls ich mit den Kindern reden wollen würde.

DSCF3772Schulhof. Der Sulina-Kanal ist der einzige, der mit großen Schiffen befahrbar ist. Alles was die Donau hoch muss, kommt hier lang.

Gegen 10 Uhr des nächsten Morgens laufe ich die halbe Stunde von meiner Pension bis zur Dorfschule im Sonnenschein. Der große Rucksack auf meinem Rücken bringt die Omas und Opas, die auf Holzbänkchen am Wegesrand sitzen, zum Lachen. Die Fähre fährt jeden Tag um 15.30 Uhr und ich will mein Glück weiter probieren, gucken ob ich woanders eine für mich bezahlbare Tour in die kleinen Deltakanäle finde. Ich komme kurz vor der großen Pause in der Schule an und darf meinen Rucksack im Lehrerzimmer abstellen. Die Schule ist frisch renoviert, die Wände strahlen in einem noch makellosen Orange und auch das Lehrerzimmer ist gemütlich eingerichtet. Wenn ich es richtig verstanden habe, gibt es zur Zeit nur drei Lehrer in Crisan, die sich alle Unterrichtsfächer teilen. Die Englischlehrerin macht eine Babypause, stattdessen gibt es Französischunterricht von der rumänisch Lehrerin und Monica improvisiert ein paar Stunden Englisch. Außerdem gibt es auch noch den Schuldirektor, der ausgebildeter Mathelehrer ist und alle naturwissenschaftlichen Fächer übernimmt. Auf der Schule sind alle Kinder des Dorfes zwischen sieben und vierzehn Jahren. Wie in den Dörfern in Maramures gehen sie danach auf die weiterführende Schule in der nächstgrößeren Stadt. Weil die Fähren nicht so fahren, dass die Kinder jeden Tag hin und her fahren könnten, leben alle Kinder über vierzehn unter der Woche in Tulcea.

Die Pause hat nun angefangen, wer will kann draußen in der Sonne spielen. Wer das nicht will, kann sich in den Klassenraum setzen und meine Fragen beantworten. Erstaunlich viele Kinder haben sich für mich und den Klassenraum entschieden. Fast zu viele. Die ersten Minuten reden alle aufgeregt durcheinander. Monica stellt meine Fragen und die Kinder diskutieren sie untereinander. Nur leider nicht so, dass wir sie verstehen würden. Nach einer Weile wird es besser, einige Kinder trauen sich nun, die Hand zu heben und auf meine Fragen zu antworten. Ich bin es nicht gewohnt mit einem ganzen Klassenraum voller Kinder zu reden. Weder meine Fragen noch ihre Antworten sind außergewöhnlich. Ich frage sie, ob sie wissen, das dass Donau Delta ein Naturschutzgebiet ist und was das für sie bedeutet. Ja, sie wissen es alle und es bedeutet halt, dass man die Natur schützen muss. Ziemlich zäh arbeite ich mich durch Fragen wie, und wie schützt ihr die Natur? und schäme mich für meine Langweiligkeit.

DSCF3776Ich stelle die absolute Tantenfrage und will wissen, was die Kinder später gerne werden wollen. Es stellt sich heraus, dass ich vor lauter zukünftiger Tierärztinnen, Popstars, Feuerwehrmännern, Psychologinnen, Lehrern und einem zukünftigen Matrosen stehe. Fischer, der traditionelle Beruf im Delta, will niemand werden. Zu harte Arbeit und zu wenig Gewinn, das sehen sie ja bei ihren Vätern. Die kleineren Kinder würden alle gerne im Delta bleiben, die Größeren wollen weg oder sagen, dass sie eh weg müssen um Geld zu verdienen.
„Wenn ihr eine Sache in Crisan ändern könntet, was würdet ihr machen?“ frage ich nun.
„Die Schule abreißen!“ ruft ein Mädchen ganz vorne. „Ein Kino bauen“ fügt ein Junge hinzu. Den meisten Anklang findet aber der Vorschlag eines anderen Mädchens: „Den ganzen Müll wegmachen.“

Plastik im Paradies

In Rumänien ist der Müll überall. Neben den Straßen türmen sich Plastikberge, über die Wiesen wehen leere Chipstüten und sogar in Breb trieben vereinzelte Plastikflaschen in den Bächen. Jeder Rumänen, den ich fragte, hatte eine andere Erklärung dafür. Eine junge Sächsin erklärte mir in perfekten, aber leicht altmodischem deutsch, dass es an Strafen fehle. Würden die Menschen dafür zahlen müssen, dass sie Müll fallen lassen hätte sich das Problem sehr schnell erledigt. Iulia glaubte, dass einfach das Bewusstsein der Menschen dafür fehlt, dass es einen weiteren Menschen braucht um all den Müll wieder aufzuheben. William Blacker erlebt in Along the Enchanted Way die Anfänge der Vermüllung auf den Dörfern. Vor der Revolution 1989 gab es, grade auf dem Land, einfach keine Plastikverpackungen. Niemand kaufte Wasser, Saft oder gar Milch in Plastikflaschen. Plötzlich tauchten aber all die bunten Verpackungen in den Dorfläden auf. Es fehlte nicht nur ein Entsorgungssystem, sondern auch das Bewusstsein dafür, dass dieser Müll nicht wie der frühere, einfach verschwindet wenn man ihn der Natur überlässt.

DSCF3765Vermutlich ist es eine Mischung aus allem. Das aber im Donau Delta, einem der wichtigsten Naturschutzgebiete Europas, Plastikmüll durch die streng geschützten Zonen treibt, hat noch einen anderen Grund: Es gibt keine Müllabfuhr.
Niemand holt die Verpackungen ab, in denen heutzutage nun mal alles verpackt wird. Obwohl ich kaum etwas gekauft hatte in Crisan, hatte ich schon nach den ersten zwei Tagen dort einen beträchtlichen Verpackungsberg in meiner Tasche und wusste nicht wohin damit.

Wie muss das erst den Menschen gehen, die Waschmittel in Plastikflaschen, Kekse in Folie, Wasser in der Flasche kaufen? Jedes Stückchen Plastik, welches man normalerweise beiläufig in einen Mülleimer wirft, sammelt sich hier. Die Menschen verbrennen es entweder in ihren Gärten oder aber es weht in die Natur.
Es gibt sogar einen umzäunten Platz, auf dem aller Müll gesammelt werden soll. Von hier, so der Plan, kann die Müllabfuhr ihn dann abholen. Darauf warten die Menschen in Crisan seit mehreren Jahren. Monicas Kompostprojekt ist also die einzige Art und Weise hier, Müll zu recyclen. Selbst wenn es nur um den Müll geht, der eh mit der Zeit verschwinden würde.

Bevor die Pause zu Ende ist, tue ich den Kindern noch den Gefallen meine drei oder vier Wörter rumänisch aufzusagen und bis Zehn zu zählen. Sie lachen sich über meinen Akzent kaputt und applaudieren begeistert, als ich mich endlich bis zur Zehn durch gestottert habe. Die letzte Frage an mich: Hast du Facebook? Nicht unbedingt begeistert schreibe ich meinen Facebooknamen an die Tafel und etwa zwanzig Zehnjährige notieren ihn sich in ihren Heften.

DSCF3779Monica zeigt mir die verschiedenen Schichten im Kompost-Kasten

Planänderung

Auf dem Weg zu Monicas Haus laufen wir am Kindergarten vorbei. Dank eines Paares aus dem Dorf hat dieser seit kurzem eine Schaukel und eine Rutsche draußen. Peter und Caroline sind ein rumänisch-französisches Paar und Freunde von Monica. Ihr Kindergartenprojekt interessiert mich und da die beiden erst morgen wieder Zeit für mich haben, beschließe ich noch eine Nacht in Crisan zu bleiben.

Wo ich bleiben kann, klärt sich sehr schnell. Nach dem ich bei Monica Mittag essen durfte, setze ich mich in die Sonne um die Eindrücke vom Tag zu notieren. Schnell sammeln sich drei Mädchen um mich, ich erkenne sie aus der Schule wieder. Sie flüstern auf rumänisch, zwei der Mädchen haben Blumen in den Händen. Die Älteste von ihnen wiederholt immer wieder „A flower for you“ aber die anderen beiden erröten nur und schütteln den Kopf. Ich tue, als würde ich nichts hören, lächle sie an und schreibe dann weiter. Schließlich traut sich eines der Mädchen, überreicht mir die wunderschönen Blumen aus ihrem Garten und damit ist das Eis gebrochen.

DSCF3787

Mithilfe eines rasch aus dem Haus geholten rumänisch-englisch Wörterbuchs unterhalten wir uns ein bisschen. Es kommen mehr Kinder hinzu und aus einem der Häuser sogar der Großvater des Mädchens mit den Blumen. Sie ist es schließlich auch, die mich einlädt im Gästezimmer ihrer Familie zu schlafen. Bis ich abends ins Bett falle, sitze ich mit der Familie vor den Fernseher und freue mich darüber, dass die Rumänen Filme im Fernsehen nicht synchronisieren, sondern nur untertiteln.

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5 thoughts on “Schule abreißen oder Müll wegräumen?

  1. Ich mag deinen Schreibstil sehr gerne, jedoch finde ich das du immer zu viel Text auf einmal postest. Schöner würde ich es finden, wenn ein Post wie dieser hier auf 2-3 Posts verteilt wäre.

  2. Hey 🙂 Ich bin zum ersten Mal auf deinem Blog und finde nicht, dass der Text zu lang ist. Sehr interessant und ansprechend geschrieben. Ich habe mir gerne die Zeit zum Lesen genommen. Heute Abend werde ich weiter in deinem Blog lesen, denn ich jetzt bin ich neugierig geworden: Was genau machst du in Rumänien? Wie lange bleibst du dort? Und, und, und 😀
    Viele liebe Grüße 🙂

  3. Hallo Lilja,
    ich finde die Länge überhaupt nicht falsch – das kann doch mal so, mal so sein! Und der Englischtext sollte besser geschlossen zusammen stehen – das gefällt mir besser. Aber das Wichtigste: das, was du schreibst, wird durch die Art, wie du schreibst, so lebendig und verständlich!
    Herzliche Grüße aus Berlin

  4. Pingback: Rumänien – Versuch einer Zusammenfassung I | frolleineuropa

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