Am Ende Europas liegen ein Pirat und eine Prinzessin

Es scheint, als wäre der Friedhof nicht nur Hauptattraktion sondern auch Zentrum der Stadt. Alles hier ist Vergangenheit und bis auf die Kinder, die auf den staubigen Straßen laute Spiele spielen, ist die Gegenwart so leise, dass die Vergangenheit sie übertönt.

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Einst war Sulina ein wichtiger Hafen. Noch immer ist es die östlichste Stadt Europas. Hier tanzten früher schnurrbärtige Griechen mit jungen englischen Ladys. Weit weg von allem und doch der Nabel der Welt. Junge Griechen, Engländer, Rumänen, Juden, Deutsche, Russen und Ukrainer kamen her, um Karriere im Hafen zu machen. Eine griechische Familie, vier Brüder, regierten die Stadt mafiös. Alle der zerfallenden Prachtbauten an der Uferpromenade gehörten ihnen. Auf dem Friedhof ragt ihr Grabstein höher in die Luft als alle anderen. Runde Schwarzweißfotos sind in den Stein eingelassen. Ernst gucken sie in die Kamera, tragen teure Kleidung und prächtige Schnurrbärte.

DSCF3821Nach dem Friedhof kommt nur noch das Meer. Feiner, weißer Sand und keine Menschenseele weit und breit. Selbst wenn ich mich konzentriere höre ich kein Geräusch menschlichem Ursprungs. Nur das gleichmäßige Rauschen der Wellen.

DSCF3819Zurück zum Friedhof. Die prächtigsten Gräber sind gestiftet von der Europäischen Kommission. Wie bitte? Ich lese das Datum wieder und wieder. Der englische Gentlemen wurde 1870 hier begraben, die Europäische Kommission möchte ihm mit diesem Stein für seine gute Arbeit danken. Schon lange vor dem zweiten Weltkrieg gab es hier, am Ende Europas, eine Europäische Kommission. Die Gründung der Kommission wurde 1856 in Paris beschlossen, nachdem das Bestreben über die Donau zu herrschen zu vielen Kriegen geführt hatte. Die Aufgabe der Kommission klingt banal, sie war verantwortlich dafür, dass die drei Donaumündungen sauber und schiffbar sind. Tatsächlich war die Kommission aber die erste, und über eine lange Zeit die einzige, internationale Organisation die juristische und polizeiliche Macht über Menschen und private Firmen hatte. Die Donau durchfließt neun europäische Länder bevor sie in Rumänien ins Donaudelta mündet und war lange Zeit einer der wichtigsten Handelswege Europa. Die Regeln, die in Sulina aufgestellt wurden, beeinflussten ganz Europa. Die Idee, dass verschiedene Staaten supranational zusammenarbeiten war damals völlig neu und weil man dem ganzen etwas skeptisch gegenüberstand, wurde die Lebensdauer der Kommission zunächst auf zwei Jahre festgesetzt. Die Europäische Donau-Kommission existierte 82 Jahre, überlebte den ersten Weltkrieg und scheiterte schließlich am zweiten Weltkrieg.

Trotz des strengen Hand der Kommission versteckte sich ein Pirat in den verzweigten Kanälen des Deltas. Er überfiel die vorbeifahrenden Schiffe und teilte den Gewinn anschließend mit seinem Bruder. Dieser war Sänger in der Kirche und lammfromm. Als der griechische Pirat am Nationaltag der Griechen von den Russen erschossen wurde, baute sein Bruder ihm ein Mahnmal aus weißem Stein auf den Friedhof. Statt eines Fotos, wie auf den anderen Steinen üblich, kreuzen sich zwei Knochen unter einem Totenschädel. Auf dem Grabstein wacht ein böser Engel. Darauf hat die Kirche bestanden damit daran erinnert wird, wer böses tut, den erwartet nach dem Tode ein böser Engel.

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Nur wenige Gräber weiter liegt die Prinzessin. Man munkelt eine Romanze brachte sie in die pulsierende Hafenstadt und niemand weißt woran sie so plötzlich nach nur wenigen Jahren in der Stadt starb. Auch ihr Grab ist aus weißem Marmor. Fast alle anderen Gräber zieren Fotos der Verstorbenen, die Schönheit der Prinzessin aber bleibt den Legenden und der Phantasie überlassen. Ich streife durch die Stadt und entdecke direkt am Ufer eine alte Villa. Das Treppenhaus ist weitgehend intakt, man kann bis unters Dach klettern und sich den magischen Sonnenuntergang auf Balken balancierend ansehen. Das alte Haus war einst das erste Hotel der Stadt. Hat die Prinzessin im Ballsaal getanzt?

DSCF3823Inzwischen ist nicht nur die Stadt sondern auch der Friedhof leer. Die Lebenden haben ihre toten Verwandten zu sich nach Griechenland, Israel, Deutschland und die Türkei geholt. Aus Respekt für die blühende Vergangenheit ließ man aber die Grabsteine auf dem einzigen multikonfessionellen Friedhof der Region stehen.

Im alten Leuchtturm wurde eine Museum eingerichtet für die Europäische Donau-Kommission. Wie um mir zu beweisen, dass Sulina schläft, bleibt die Tür geschlossen obwohl der Anhang verkündet, dass das Museum von acht bist achtzehn Uhr geöffnet ist.

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8 thoughts on “Am Ende Europas liegen ein Pirat und eine Prinzessin

  1. Wow, mal ein ganz anderes Thema! Man merkt, das du Ahnung hast und gut recherchiert hast! Gefällt mir sehr gut. Werde auch am Ende des Monats verreisen 🙂

    Grüßle,

    Célina von le meme-contraire

  2. Hm, irgendwie ein trauriges Schicksal für eine Stadt, die mal so geblüht hat.
    Mir gefällt die Mischung aus Erzählung und prosaischen Elementen im informationsreichem Text, wenn auch sich hier und da ein Tippfehler eingeschlichen hat.

  3. Schön! “Wo die Gegenwart so leise ist…” – das ist eine schöne Metapher! Weiterhin toi-toi-toi auf Deinen Reisen! Grüße aus dem grauen Heidelberg….Verena

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