Rumänien – Versuch einer Zusammenfassung I

„Ich versuche zu sehen, was du siehst, wie sieht Bukarest für dich aus?“ Fragte mich Iulia in meinen ersten Stunden in der rumänischen Hauptstadt. Irina, ihre Mitbewohnerin, und sie hatten mich vom Flughafen abgeholt. Der Flughafenbus spukte uns am Gara de Nord aus. Nicht unbedingt Bukarest schönstes Viertel – aber wie hätte ich das Wissen können in den ersten Stunden?

Iulias Frage beantwortete ich am Abend in meinem Notizbuch.
Weiß nicht mal, was ich selber sehe. Mein erster Eindruck ist Wahnsinn. Große, nein, riesige graue Häuser, Verkehrschaos, Hunde, die an roten Ampeln warten und vermüllte Grünflächen. Hüpfen über zu Eisbergen gefrorenem Schnee. In allen vorstellbaren Grautönen heben sich die Häuser vom ebenfalls grauen Himmel ab. Wenn ich es mir durch die Europa-Brille angucke, ist es kaum zu glauben, dass Rumänien Teil der EU ist. Zu groß und zu krass scheinen mir die Unterschiede.

58 Tage später ist der erste Eindruck für mich kaum noch nachvollziehbar. Ich blicke zurück auf eine tolle Zeit mit wunderbaren Menschen. Aber was liegt zwischen dem ersten Schock und der Abschiedseuphorie?

Von Cluj nach Tulcea auf dem Fensterplatz

physical-map-of-romania

Teil 1 meiner Reise durch Rumänien

Wenn ich mit der rumänischen Eisenbahn reisen wollte, schrieb ich meinen Zielort auf einen kleinen Zettel um diesen dann gegen die Glasscheibe des Fahrkartenschalters zu drücken. Das klappte gut, nie wurde ich unfreundlich behandelt und jedes mal hielt ich schnell die gewünschte Fahrkarte in den Händen. Zusammen mit der Fahrkarte gab es eine Sitzplatzreservierung. Sobald der Zug aus dem Bahnhof herausrollte, ich meinen Sitzplatz gefunden und es mir gemütlich gemacht hatte, musste ich aber wieder aufspringen. Merkten die Menschen um mich herum nämlich, dass ich keine Rumänin bin, boten sie mir sofort den Fensterplatz in Fahrtrichtung an. Sie hätten das ja alles schließlich schon gesehen.

DSCF3694Ich aber staunte. Staunte auf dem Weg von Bukarest nach Sibiu über mächtige Berge und Wasserfälle. Staunte über die freundlichen Menschen, die mir in Sibiu halfen die Altstadt zu finden und staunte schließlich müde über die alten Häuser im warmen Schein einer orangen Straßenlaterne. In Sibiu, auf deutsch Hermannstadt, verbrachte ich ein paar Tage. Sibiu war, wie viele anderen Städte der Region, lange ein Zentrum der säsischen Kultur in Rumänien. In Sibiu begann ich auch Along the enchanted Way zu lesen. Mitte der 1990er verfielen die sächsischen Dörfer, weil die meisten Sachsen sich nach der Revolution auf nach Deutschland gemacht hatten. Es ist traurig zu lesen wie William Blacker Kirchen und Dörfern beim Verfallen zusieht. Umso fröhlicher machte es mich, dass Sibiu heute praktisch ein sächsischer Traum ist. Die alten Häuser strahlen in Pastellfarben, Treppen und Kopfsteinpflaster sind sorgfältig gepflegt. Als ist so sauber als hätte grade ein Sachse alle seine Klischees übererfüllt.

DSCF3611Von Sibiu ging es weiter nach Cluj. Cluj ist eine Studentenstadt im nördlichen Teil Rumäniens. Es regnete als ich dort ankam und hörte die nächsten Tage auch nicht mehr auf zu Regnen. In jeder anderen Stadt hätte das für einen eher trüben Eindruck gesorgt. Nicht so in Cluj. Ein Filmfestival über den arabischen Frühling, eine Ausstellung über Hertha Müller und Konzerte in bunten Bars lösten einander ab. An meinem letzten Tag schien endlich die Sonne und ich hatte Along the enchanted Way ausgelesen. Natürlich war mir bewusst, dass das Dörfchen Breb nur wenige hundert Kilometer entfernt lag. Mit dem Gedanken in das Dorf, in dem William Blacker viele Jahre lebt und Rumänien genießt, zu fahren hatte ich natürlich auch schon gespielt. Den Ausschlag gab dann aber ein kleiner Aushang des Somewhere Different Hostel in Breb. Viel zu früh morgens stieg ich in den Bus und wie es weiter ging könnt ihr hier nachlesen.

Foto0417Cluj ist eine wunderschöne Stadt. Dieses Foto zeigt nicht das idyllischte Eckchen, aber ich konnte angesichts des “Europas” nicht wiederstehen…

Geplant war, dass ich anschließend ins Donau Delta fahre. Als ich aber am Bahnhof stand, mein Zettelchen schon mit „Tulcea“ beschriftet hatte, sah ich, dass gleichzeitig ein Zug nach Brasov fahren würde. Brasov ist eine mittelalterliche Stadt im Herzen Rumäniens. Immer wieder wurde mir gesagt, dass man sie gesehen haben müsse. Ich drehte den Zettel um, schrieb Brasov auf die Rückseite und fuhr los. In Brasov verbrachte einen Abend mit einer internationalen Freiwilligengruppe, die an rumänischen Schulen unterrichtet und einen weiteren Abend in der Oper. An alten Hauswänden entdeckte ich deutsche Schriftzüge und aß Bratwurst am Würstlestand.

Foto0424Die einzige günstige Zugverbindung nach Tulcea fuhr schließlich am dritten Tag um sieben Uhr dreißig morgens. Da Sonntagmorgens in Brasov kein Bus zum Bahnhof fuhr, nahm ich ein Taxi. Meine paar aufgeschnappten Wörter rumänisch reichten, um mit dem Fahrer ein wenig zu plaudern. Als wir schließlich am Bahnhof hielten zeigte das Taxameter 8,20 RON an. Das sind circa zwei Euro. Ich reichte dem Taxifahrer einen 10 RON Schein und, dafür reichte mein rumänisch natürlich nicht aber Zeichensprache tat es auch, bedeutete ihm, dass er die zwei RON behalten könne. Entsetzt schüttelte er den Kopf. „You tourist! You enjoy Romania!“ [„Du bist Tourist! Genieße Rumänien!“] Langsam, fast schleichend zuckelte der Zug die nächsten neun Stunden vor sich hin, ich genoss den Ausblick meines Fensterplatzes.

Constanta

Über meine Zeit im Donau Delta könnt ihr hier und hier auf deutsch und hier auf englisch lesen.

DSCF3712Anschließend fuhr ich nach Constanta um dort einen 18. Geburtstag mit der Familie ehemaligen Austauschschülerin meiner Famile, Iulia zu feiern. Das Geburtstagskind war Iulias kleine Schwester Andra. Ihre Volljährigkeit feierten wir in einem Club in Constanta. Im „El Commandante“ guckten überlebensgroße Che Guevara Fotos auf Mädchen in High Heels und Jungs in schwarzen Anzügen hinunter. Eine merkwürdige Mischung, die ich bald aber ausblendete. Ich verstand mich gut mit Andras Freunden und wurde immer wieder gebeten zu erzählen, was mir in Rumänien bisher passiert sei und wie es mir hier gefalle.

Was ich an Rumänien mag, lässt sich in Constanta besonders gut beobachten. Ich liebe das unaufgeregte Zusammenspiel von Alt und Neu. Wenn man in Constanta einen kleinen Spaziergang macht, beginnend an der Uferpromenade beim alten Casino, kommt man nach wenigen Schritten an eine, teilweise überwucherte archäologische Ausgrabungsstätte. Es handelt sich um Ruinen aus einer Zeit lange vor Christus. Ich glaube, es waren römische Thermen. Wenige Meter weiter kommt zuerst eine prächtige rumänisch-orthodoxe Kirche und schließlich eine Moschee. Ein lebendiges Zeugnis davon, dass Rumänien einmal Teil des Ottomanischen Reiches war. Man könnte aber auch einfach in eine beliebige Küche schleichen und dort in die Töpfe oder den Backofen gucken. Türkische Einflüsse finden sich überall. Wenn man jedenfalls kurz davor ist, die Straße wunderschön zu finden, kommt ein großer Block aus Ceaușescus Zeiten. Direkt daneben steht vermutlich ein gläsernes Gebäude, welches eine Bank beherbergt. Und eine Ecke weiter wird immer noch gebaut. Hinter den Gerüsten könnte sich alles verbergen, vermutlich sind es aber Teile der Constanta Altstadt die nun endlich renoviert werden. In Rumänien ist diese Vielfalt selbstverständlich.

Ich habe die Zusammenfassung in zwei Teile geteilt weil der Post sonst zu lang geworden wäre. Teil II wartet morgen auf euch!

Advertisements

One thought on “Rumänien – Versuch einer Zusammenfassung I

  1. Pingback: Rumänien – Versuch einer Zusammenfassung II | frolleineuropa

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s