Rumänien – Versuch einer Zusammenfassung II

Den ersten Teil meiner Zusammenfassung findet ihr hier. Für Lesefaule oder als Gedächtnisauffrischer : Ich begann meine Reise im verschneiten Bukarest. Bukarest erschrak mich, ich fragte mich, ob es richtig sei, dass Rumänien Teil der EU ist. Dann reiste ich durchs Land, immer auf dem Fensterplatz und entdeckte mehr als nur märchenhafte alte Städte. Schließlich landte ich auf einem 18. Geburtstag in Constanta. Dort wurde ich gebeten zu erzählen, was ich an Rumänien mögen würde. Der erste Teil endet mit mit meiner Liebe zum vielfältigen rumänischen Stadtbild. 

Noch wichtiger als das ich bei jedem Schritt auf Geschichte stoße, sind für mich aber die rumänischen Geschichten. Alte Legenden und magische Erzählungen sind ein völlig selbstverständlicher Teil des Alltags. In meiner Zeit in Rumänien habe ich so viele unglaubliche Geschichten über Hexen, Flüche und Wunderheilungen gehört, dass ein eigener Blog nötig wäre um sie alle zu erzählen. Eine der Schönsten aber habe ich in Constanta von Iulia gehört.

Deine blauen Augen

Im letzten Jahr ihrer Schulzeit hatte Iulia einen Freund. Nichts zu ernstes, einfach nur eine große Sommerliebe. Eines Abends gingen sie, ihr Freund und ein paar andere Freunde aus. Iulia und der Junge hielten Händchen und küssten sich ab und zu. Nach einer Weile lehnte sich eine andere Freundin zu den beiden hinüber und sagte: „Ihr seid so toll zusammen!“. Die beiden freuten sich über das Kompliment. Nach einer kurzen Weile ging es Iulia aber plötzlich sehr schlecht. Sie hatte schlimme Bauchschmerzen und beschloss, besser Nachhause zu gehen. Dort erwartete sie eine schlaflose Nacht. Sie bekam Fieber, die Bauchschmerzen wurden schlimmer, sie übergab sich und fühlte sich schlapp. Es sah aus, als hätte sie eine Sommergrippe erwischt. Nach ein paar Stunden aber schlief sie kurz ein und hatte einen Traum. Sie sah, wie die Freundin sich zu ihr herüber beugte und sagte „Ihr seid so toll zusammen!“, dabei blitzen ihre blauen Augen. In Rumänien sagt man, Frauen mit hellen Augen, also blau oder grün, haben außergewöhnliche Kräfte. Oft ohne es selbst zu wissen. Kurz nach diesem Traum begann Iulias Brustkorb heftig zu schmerzen. Dieser bestimmte Schmerz ist ein Zeichen dafür, dass man verhext wurde. Zusammen mit dem Traum machte alles Sinn. Iulia rief ihren Freund an, der wiederum die Freundin mit den blauen Augen anrief. Es stellte sich heraus, dass die Freundin von ihren Kräften wusste und sie auch schon ein paar mal eingesetzt hatte. Aus Versehen sei es ihr aber noch nie passiert. Man sagt, starke Emotionen wie Neid können unbewusst zu Verhexungen führen, ohne das irgendwer etwas davon bemerkt. Iulia wusste nun aber, dass sie keine Sommergrippe hatte und erzählte ihrer Mutter von dem Fluch. Zum Glück kannte ihre Mutter eine Nachbarin, die ebenfalls übersinnliche Kräfte besitzt. Diese Nachbarin bereitete einen Trank zu, den Iulia trinken musste während ihre Mutter ihr aus der Bibel vorlas. Wenige Minuten später war der Spuk vorbei.

Ich erzählte die Geschichte vielen Rumänen und niemand fand etwas besonders daran. Im Gegenteil. Der Einen war selber schon einmal etwas ähnliches passiert, ein Anderer hatte eine Großmutter mit besonderen Kräften. Mich fasziniert wie diese uralte, über Generationen weitergegebene Magie Teil einer modernen Gesellschaft sein kann. Wäre es Iulia auch noch am nächsten Tag schlecht gegangen hätte ihre Mutter nicht gezögert und sie zum Arzt gebracht. Niemand in Rumänien versucht notwendige medizinische Behandlungen durch Hexerei zu ersetzen. Stattdessen hat irgendwie beides einen Platz gefunden in der Gesellschaft.

Zurück in Bukarest

Iulia und ihre Mitbewohnerin Irina blieben in Constanta am Strand statt mit mir zusammen nach Bukarest zu fahren. Mittlerweile waren alle Schneereste geschmolzen und die Sonne wärmte Rumänien kräftig auf. Da ich ja nicht bei Iulia und Irina wohnen konnte, wich ich auf ein Hostel aus. Wieder hatte ich Glück und erwischte das wohl beste Hostel in Bukarest: The Cozyness Downtown Hostel. Aus einer geplanten Nacht, ich wollte nur kurze meine Reise nach Griechenland planen, wurden vier.

DSCF3855 Auch in Bukarest finde ich meine geliebte Vielfalt überall

Mit zwei anderen Reisenden lieh ich mir ein Auto aus und fuhr die Transfogarasche Hochstraße. Zumindest teilweise bis der Schnee uns stoppte. Aber auch auf unserem Teilstück ist die Natur atemberaubend. Auch hier ist es wieder die Vielfältigkeit, die mich verzaubert. Die langen Strände an der Küste, die Urwälder im Donau Delta, die mächtigen Karpaten und die riesigen Wälder hinter den Karpaten. Ich bin froh, dass ich die Natur als Fokus für Rumänien gewählt habe. Vielleicht hätte ich sonst nicht so häufig aus dem Fenster geschaut und wäre ausgestiegen, wenn etwas interessant aussah.

DSCF3898 Transfogarasche Hochstraße. Ab hier ging es dann nicht mehr weiter.

Meinen ersten Eindruck von Bukarest hatte ich schon wenige Tage nach meiner Ankunft vor ein paar Wochen revidiert. Diesmal aber zeigte sich Bukarest aber von seiner schönsten und sonnigsten Seite. Ich entdeckte die empfehlenswerte Free Bucharest Tour und viele, viele Ecken die mir gut gefielen. Mir kam der Gedanke, dass Bukarest eigentlich viel mehr das ist, für was meine Heimat Berlin so gefeiert wird. Berlin gilt als Künstlerstadt, ständig in Bewegung und alles ist möglich. Ich aber habe das Gefühl, dass Berlin sich gar nicht mehr soviel verändert. Berlin, London, Paris, ich habe das Gefühl, dass diese Städte in 50 Jahren fast genauso aussehen werden wie heute. Bukarest hingegen könnte schon in 20 Jahren komplett verändert sein. Soviel steht leer, so viele Lücken zieren noch das Stadtbild und soviel verschiedene Möglichkeiten schweben in der Luft.

Foto0377Was könnte mit diesem Haus in den nächsten 20 Jahren alles passieren?

Bukarest war keine Liebe auf den ersten Blick gewesen. Auf den zweiten Blick erwischte es mich dafür aber umso heftiger. Doch selbst meine rosarote Brille vermochte eine Sache nicht auszublenden:
Es gibt sie eben doch, die Straßenkinder in Rumäniens Städten und vor allem in Bukarest. Viel zu kleine Kinder die alleine oder mit ihren Eltern betteln. Jedes mal schluckte ich schwer, fühlte mich traurig, hilflos und froh darüber, dass ich ein wenig Geld hatte um es den Kindern zu geben. Doch richtig fühlte sich auch das Spenden nicht an. Unterstützt man damit nicht etwas falsches? Und vor allem: wo geht das Geld hin?

In Constanta wartete ich eines Abends vor einem Supermarkt auf Iulias Eltern, die mich von dort abholen wollten. Es war schon ziemlich spät. Ich wartete in Gesellschaft zweier Kinder, die am Ausgang des Supermarktes bettelten. Es wurde später und der Supermarkt schloss. Der Parkplatz davor war nun ziemlich leer. Nach einer Weile fuhr ein schwarzes Auto vor. Es hielt direkt vor mir und da ich nicht wusste, wie das Auto Iulias Eltern aussieht, ging ich lächelnd darauf zu. Der Mann, der ausstieg, würdigte mich aber keines Blickes. Stattdessen wandte er sich den beiden Kindern zu. Sie gaben ihm den Plasikbecher mit dem gesammelten Geld, er kontrollierte ihre Hosentaschen und anschließend stiegen die Kinder in das große schwarze Auto. Natürlich bin ich nicht sicher was ich da gesehen habe. Aber ein ungutes Gefühl bleibt, wer sammelt das Geld der bettelnden Kinder ein? Und wo fährt derjenige dann mit dem großen schwarzen Auto hin?

Fragen, die mir auch Iulia und ihre Freundin Manu am darauffolgenden Tag nicht beantworten konnten. Wir saßen vor einem Café, grade waren zwei kleine Jungen gekommen, hatten erst um die Zigaretten der Mädchen gebeten und als Iulia und Manu ihnen auf Grund ihres Alters keine gaben, fragten sie, ob sie die Zuckertütchen auf unseren Untertellern haben dürften. Wir sahen wie sie ein Stückchen weiter den Zucker unter sich aufteilten und ihn mit feuchten Fingern aus den Tütchen dippten.

„Gewöhnt man sich jemals an diese Kinder?“ fragte ich. Iulia und Irina verneinten. Auch ihnen nahm es jedes mal wieder die Luft zum Atmen. Mich macht es aber nicht nur traurig sondern auch wütend. Ich weiß nicht aus welchen Gründen, und so genau kann niemand es mir sagen, aber der rumänische Staat scheint nicht in der Lage zu sein diesen Kindern zu helfen. Kinder, die betteln, nicht zur Schule gehen und im schlimmsten Falle unter organisierter Kriminalität leiden sind für mich Verstöße gegen die Würde des Menschen. Seit 2009 ist die Charta der Grundrechte der Europäischen Union rechtskräftig. Sie besagt, dass innerhalb der EU die Würde des Menschen unantastbar ist. Diese Rechte sollen absolut und einschränkungslos gelten.
Merkel sagte über die Banken- und Währungskrise „Scheitert der Euro, scheitert Europa“. Meiner Meinung nach sollte es genau so sehr, oder vielleicht viel mehr, heißen „Betteln Kinder auf Europas Straßen ist Europa gescheitert.
Ich kann an Dinge wie die Charta der Grundrechte nicht glauben, solange nicht alles dafür getan wird, dass sie für jeden Menschen Europas mehr als nur ein Stück Papier ist. Egal ob das Problem juristisch beim jeweiligen Staat liegt.

Hoffnung

Nichtsdestortrotz verstand ich inzwischen sehr gut, was die EU Beitrittsverhandler in Rumänien gesehen haben könnten. Oder besser: Ich hoffe, dass sie sahen, was ich sah und nicht nur die Aussicht auf großen Profit.
Ich sah ein wunderschönes Land, reich an Kultur und Geschichte. Und vor allem die freundlichsten Menschen, die ich mir auf meiner Reise hätte wünschen können. Nach ein paar Wochen begann ich scherzhaft vom „rumänischen Optimismus“ zu sprechen, weil jeder Mensch, mit dem ich sprach, trotz allen Hindernissen, zuversichtlich in die Zukunft guckte.
Mein Thema für Rumänien war Natur und Umwelt. Wenn ich versuche, zu diesem Thema eine Schlussfolgerung zu formulieren ist es diese:
Noch gibt es kaum Landwirtschaftsfabriken mit Massentierhaltung und kilometerweiten Monokulturen. Diese „Unfertigkeit“ Rumäniens macht mir Hoffnung. Ich hoffe es entwickelt sich ein Bewusstsein dafür, dass nicht alles was die großen Nachbarn Deutschland und Frankreich tun richtig sein muss. Vielleicht kann Rumänien neue, mehr zukunftsweisende Wege finden. Ebenso wenn es um den Erhalt von gelebten Umweltschutz geht wie ich in beispielsweise in Breb und im Donau Delta erlebt habe.

Und nicht zu Letzt habe ich einen sehr persönlichen Grund, meinen allerersten Eindruck über Rumänien und die Zugehörigkeit zu Europa zu korrigieren: Wenn Europa tatsächlich eine Wertegemeinschaft ist und es so etwas wie eine europäische Identität gibt, bin ich stolz darauf diese Dinge mit den Menschen die mir in Rumänien begegneten zu teilen.

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6 thoughts on “Rumänien – Versuch einer Zusammenfassung II

  1. Danke für diese tolle Zusammenfassung. Ich hoffe, dass du viele LeserInnen hast und dein Blog dazu beiträgt, dass mehr Menschen Rumänien besuchen und ein neues Bild von diesem Land bekommen, das wunderbar zu sein scheint.

  2. Durchaus lesenswert, deine Ausführungen !
    Hier, ein Paar Anmerkungen:
    – „…Rumänien einmal Teil des Ottomanischen Reiches war” niemals in der Geschichte ist je rumänisches Gebiet ottomanisch gewesen, dafür umsomehr Dobrogea (500 Jahre osmanisch), welches aber erst nach 1878 rumänisch wurde

    – Constanta ist eine heruntergewirtschaftete Stadt: dass du doch einige Übrigbleisbsel vergangener Zeiten finden konntest, grenzt schon an Wunder

    – „blaue Augen“ – Generationen von rückständigen Bäuerinnen haben an ihre Töchter den abergläubischen Krimmkramm weitergegeben, bis in unseren Zeiten hinein, so dass heute, eine moderne junge Frau wie diese Iulia immer noch dies praktiziert. Das magische Denken bei den Rumänen hat übrigens frapierende Ähnlichkeiten mit dem der (Süd) Italiener. Süß fand ich wie du erwähnt hast, dass die Rumänen doch zum Arzt gehen, so etwa wie „Diese Eingeborene glauben fest an ihren Geistern, scheuen sich dennoch nicht davor, Elektrizität zu benutzen“

    – Im Gegensatz zu dir (als gebürtiger Bukarester) treffe ich kaum Strassenkinder in meiner Stadt (die übrigens auch keine sind, da nicht obdachlos). Mag wohl an der unterschiedlichen Verarbeitung des Wahrgenommenen liegen: ich neige eher genau das zu übersehen, was bei dir ein Torrent der Gefühle auslöst.
    Auch die Geschichte mit den zum Betteln ausgebeuteten Kindern kommt mir vor wie aus der Bild-Zeitung entsprungen. Das Betteln von Strassenkindern in Constanta würde nicht mal die Benzinkosten der schwarzen Karre abdecken. Übrigens, warum die Bettler chauffieren, wenn sie in der eigenen Stadt, die sie gut kennen, tätig sind. Das Chauffieren würde vielleicht in einer wildfremden ausländischen Stadt Sinn machen, aber so ? Ganz unmöglich mag das alles nicht sein, aber wenig plausibel. Dir glauben, tue ich’s trotzdem, weil du eine sympatische Zeitgenossin bist.

    – „Noch gibt es kaum Landwirtschaftsfabriken mit Massentierhaltung und kilometerweiten Monokulturen“ – die gab’s schon, mehr als du dir vorstellen kannst, sind in Folge der massiven Deindustrialisierung Rumäniens der letzten 20 Jahre zurückgegengen

    Würde ein paar Stichworte naheliegen, warum die Dinge in Rumänien so sind, wie sie sind: der ungeheuere Druck der großen westlichen Firmen und Regierungen in Richtung Deindustrialisierung und Vernichtung alter wirtschaftlichen Strukturen (ähnlich wie bei euch mit der DDR, nach 1990), vor dem gewaltigen Hintergrund eigener Miss- und Vetterwirtschaft und Korruption.

    Wenn du aus z.B. Deutschland Rumänien besuchst und ein wenig Gehirn unterm Schädel führst, findet ein Überraschungseffekt statt, nämlich dass die Dinge hier weitaus komplexer und bei weitem nicht so miserabel sind, wie euere armselige Propaganda verbreitet. Wenn aber du hier lebst, überkommt dir stets Wut und Verzweiflung darüber, dass die Dinge so gut sein könnten und so schlecht sind.

    Viel Spass bei der Turkischen Revolution !

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