Tagebuch einer ausländischen Extremistin

Nachdem es in den letzten Tagen sehr still auf meinem Blog war, da die Ereignisse sich überschlugen und ich keine Zeit für längere Texte hatte, werde ich jetzt versuchen meine persönlichen Eindrücke der Proteste in Istanbul aufzuschreiben.

Es begann sehr klein. Am Freitag, dem 31. Mai 2013, redete im Metrobus in der Istanbuler Vorstadt plötzlich jeder mit jedem. Eine Freundin übersetzte mir, dass es Proteste in einem Park gegeben hätte und die Polizei außergewöhnlich hart gegen die Demonstranten vorgegangen sei. Bilder auf Mobiltelefonen machten die Runde und die Leute blickten entsetzt auf eine junge Frau mit rotem Kleid, die alleine im Tränengasnebel steht.

Combo photo of Turkish riot policeman using tear gas against woman as people protest against destruction of trees in park in Istanbul

Was dieses, und andere Bilder aber auslösten, begriff ich erst am nächsten Morgen. Ich saß in einem Shoppingcenter vor meinem Laptop und aktualisierte Twitter, Facebook und jede andere mögliche Informationsquelle im Sekundentakt. Später formierten sich auch in der ruhigen Nachbarschaft, in der ich dieser Tage zu Besuch war, Demonstrationen. Den ersten Gänsehautmoment gab es dann an diesem Abend, als in allen umliegenden Hochhäusern die Lichter flackerten und Töpfe klapperten.

Am 03.06.2013 stolperte ich schließlich endlich auf den besetzten Taksim-Platz und in den Gezi-Park hinein. Die türkischen Medien hatten sich über die Ereignisse ausgeschwiegen und die deutschen Medien hatten mich glauben lassen, ich würde ein Kriegsgebiet betreten. Das war nicht der Fall. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich kaum etwas über türkische Politik oder die Proteste. In den nächsten Tagen tastete ich mich langsam voran. Sprach mit vielen Menschen im Park und auf der Straße. Langsam klärte sich mein Blick.

Warum protestieren die Menschen?

Es gibt keine „Gezi-Park Führung“. Im Park spricht jeder und jede für sich selbst. Manchmal habe ich an einem Tag zwanzig verschiedene Meinung gehört. Ganz klar für alle aber ist, dass sie nicht wollen das eine von den letzten Grünflächen in der Istanbuler Innenstadt mit einem Shoppingcenter bebaut wird. Eine kleine Liste einiger Meinung kann Euch vielleicht einen Überblick geben:

  • Die meisten kritisieren den Regierungsstil des türkischen Präsidenten Erdogan und seine Partei, die AKP. Ein paar Gründe dafür: Erdogan wurde zwar einst mit einer Mehrheit gewählt, macht jetzt aber keine Politik für das ganze Volk sondern nur für seine Wähler. Offiziell haben 50% der türkischen Bevölkerung Erdogan gewählt. Es gibt in der Türkei aber eine 10% Hürde. Jede Stimme für eine Partei, die die Hürde nicht schafft, wird der Partei mit den meisten Stimmen zugerechnet. Viele im Park finden dieses Wahlsystem unfair
  • Viele Frauen kritisieren, dass Erdogans Politik sie zu Gebärmaschinen degradiere.
  • Umstrittene Gesetzte, wie z.B ein Alkoholausschankverbot in der Nähe von Moscheen lassen die Menschen befürchten, Erdogan wolle die Türkei in einen islamischen Staat verwandeln.
  • Erdogan kann als Premierminister nicht wiedergewählt werden. Die AKP erarbeitet aber grade eine Verfassung, nach der Erdogan nach dem Modell Putin als Präsident an der Macht bleiben könnte. Dieser Schritt macht vielen Menschen Angst.

Eine gute Analyse der Zustände findet ihr hier. Zwei meiner Interviews auf englisch gibt es hier und hier.

Aber auch

Aber nicht nur die AKP und Erdogan standen in der Kritik der Demonstranten. Auch die Oppositionspartei CHP ist, entgegen vieler anderslautender Meldungen, im Gezi-Park bei den Meisten nicht gern gesehen. „Ich habe die Nase voll davon, dass die Politik einen Lebensstil diktiert.“, fasste ein Mädchen es zusammen. Die CHP war es, die Frauen einst das Kopftuchtragen an Universitäten und öffentlichen Einrichtungen verbat. Und da es dank der 10% Hürde ja kaum eine andere Partei an die Macht schafft, misstrauten die meisten meiner Interviewpartner_innen dem ganzen politischen System. Dieses System ist in der Türkei leider sehr verflochten. Mitbekommen habe ich das, als die Menschen plötzlich an der Garanti-Bank Schlange standen. Die Garanti-Bank steht der AKP sehr nah und um dagegen zu protestieren hoben in den letzten Tagen viele Türken mit einem Konto bei dieser Bank so viel Geld ab, bis die Bank keine Geldvorräte mehr hatte und für ein paar Tage schließen musste.

SAM_0047Viele, viele Medienkonzerne stehen der AKP nah. Und der Rest der Medien scheint von ihr eingeschüchtert zu sein. Im Grunde schwiegen sich die türkischen Medien bis zum gestrigen Tag über die Proteste aus. Gestern gab es dann plötzlich auf allen Sendern steinewerfende Demonstranten zu sehen…

 Und vor allem

Mein erster, zaghafter Ausflug in den Gezi-Park war schnell vergessen. Nach einer kurzen Weile fühlte ich mich dort sehr wohl. Ich verliebte mich in die kreative, friedliche Atmosphäre.

DSCF4123Auf meiner morgendlichen Runde um die Zelte entdeckte ich jedes mal wieder etwas neues, was mich zum Lachen brachte. Das geflügelte Wort des Parks ist ohne Frage „Capulcu“, was soviel wie Plünderer heißt. Gleich zu Beginn der Proteste machte Erdogan klar, dass dort eh nur ein paar Capulcus ihr Unwesen treiben würden. Daraufhin fuhren Capulcu-Rollstühle durch den Park, wurde zu „Everyday I’m Capuling“ getanzt und die Wortspiele auf Zelten und Bäumen sind unzählbar. Die Pinguine, die das türkische Fernsehen noch nach dem die Proteste am ersten Wochenende eskaliert waren, in einer Naturdoku zeigte, sind treuer Begleiter im Gezi-Park geworden.

SAM_0045Wenn ich grade keine Interviews machte, schnappte ich mir Gummihandschuhe und Mülltüte. Da es in dem besetzten Park natürlich keine Müllabfuhr gibt, wird aller Müll von den Besetzern und Unterstützern selber weggeräumt. Das klappt erstaunlich gut. Zumindest vor gestern Abend war der Park sicher sauberer als jemals zuvor. Am 06.06.2013 sammelten eine deutsche Freundin und ich grade wieder Müll, als uns Erdogans Worte vom Tag zuvor durch den Kopf ging. In einer Rede hatte er geschimpft, dass die Proteste allein das Werk von Erasmus-Studenten und ausländischen Extremisten sein. Wir kauften uns zwei weiße Tshirts und zeigten Erdogan beim Müll sammeln in den nächsten Tagen, wie gewaltbereit diese ausländischen Extremisten die Proteste tatsächlich unterstützen…

foreign extremists

Gezi-Festival

Desto näher das Wochenende kam, umso voller wurde der Gezi-Park. Alle neu geschaffenen Institutionen wie z.B die Bibliothek, die große Essensausgabe, die Uni-Zelte, in denen Kurse und Nachhilfe angeboten wurden, der Kindergarten, die Mal-Workshops, das Radio, Capul-TV, Tier- und Menschenklinik liefen auf Hochtouren. Davon bekam ich allerdings wenig mit: Ich lag mit Fieber in meinem Hostelbett und erholte mich von einer Grippe.

    SAM_0042 SAM_0043

Montag war ich wieder einigermaßen Fit und machte mein letztes Interview in tränengasfreier Luft. Bis in den Abend saß ich mit der Studentengruppe zusammen und diskutierte über Politik und die Zukunft des Gezi-Parks. Erdogan war grade aus Afrika wiedergekommen und irgendwas würde kommen. Nur was genau?

Zu diesem Zeitpunkt war ich längst nicht mehr völlig unbeteiligt. Ich hatte Freunde im Park gewonnen, mich am Park-Ausbau beteiligt und wie gesagt, in die Atmosphäre verliebt.

Angst

Meine morgendliche Frühstücksroutine seit Beginn der Proteste: Laptop an. Türkischen Tee holen. Twitter checken. Facebook checken, dann die deutschen Nachrichtenseiten und schließlich die englischsprachigen türkischen Nachrichten. Am Dienstag nahm diese Routine mir den Atem: In den frühen Morgenstunden war damit begonnen worden, den Taksim Platz zu räumen. Zum ersten Mal seit dem 01.06.2013 kamen Polizisten wieder näher an den Gezi-Park heran. Ich verbrachte den Tag im Gezi-Park und auf dem Taksim. Für die Facebook Infoseite OccupyGezi gab ich am Telefon Neuigkeiten durch. Es lag Tränengas in der Luft und Bagger beseitigten die Barrikaden rund um den Park. Trotz allem war es recht friedlich. Nur sehr, sehr wenige Menschen warfen Steine auf die Räumfahrzeuge. Molotovcocktails habe ich persönlich nicht gesehen. Es ging das Gerücht herum, dass diese Menschen Zivilpolizisten sein. Beweisen kann ich es natürlich nicht, aber auch mir kam es komisch vor dieser handvoll junger, vermummter Männer, ohne Unterstützung aus dem Park, dabei zuzusehen wie sie für die plötzlich erschienene türkische Presse Steine warfen.

Für 19 Uhr wurde eine Großdemonstration angekündigt. Zusammen mit tausenden anderen Istanbulern, Familien, Kindern, alten Menschen, Studenten, Parteien stand ich gegen 20 Uhr auf dem Taksim Platz, der zwar einst geräumt aber jetzt wieder voll mit Menschen war. Ich stand auf einer kleinen Mauer und konnte die Menge sehr gut überblicken. „Alles friedlich. Polizei ist da, macht aber nichts.“ gab ich am Telefon durch. Dann kam plötzlich Bewegung in die Menge. Und dann, ohne jede Ankündigung, explodieren die Tränengaskartuschen vor meinen Füßen. Sie kamen von überall und es gab keinen Fluchtweg, der nicht durch dichten Nebel vergiftet war. Etwa eine Stunde später schrieb ich, noch immer geschockt:

Es interessiert mich nicht mehr ob diese Regierung einst demokratisch legitimiert war. Es interessiert mich auch nicht mehr, ob die Steinewerfer Zivilpolizisten, Verrückte oder Demonstranten waren. Eine Regierung, die einen Platz voll mit Tausenden von ganz normalen Menschen ohne Vorwarnung von jeder Seite beschießt ist keine demokratische mehr.
Plötzlich war das Gas überall. Zischende Kartuschen vor meinen Füßen, Kartuschen schlugen hinter mir auf den Boden, trafen Menschen neben mir. Und alle rannten. Es gab keine Chance langsamer zu laufen, das Gefühl, dass jede Sekunde länger Tränengas der Tod gewesen wäre. Mitlaufen in der Masse. Und dann der Moment, in dem die Knie weich werden. Keine Kontrolle mehr über den eigenen Körper. Alles ist in Zeitlupe. Neben mir sink ein Mädchen zu Boden. Der Neben frisst sie, obwohl sie kaum einen Meter weit weg ist kann ich sie kaum sehen. Zu beiden Seiten sind offene Geschäfte aber kein reinkommen mehr. Menschen drücken die Schaufenster ein und werfen sich gegen Rücken, die schon längst in Drehtüren verkeilt sind. Todesangst im Gesicht. Bleib nicht stehen, bleib nicht stehen. Stehen bleiben und liegen bleiben ist das einzige was diese Knie wollen. Der Blick fängt an zu wackeln. Geht es langsamer als Zeitlupe?
Am Arm des Mannes neben mir festkrallen. Die Finger so tief ins Fleisch wie möglich treiben. Dieser Arm zieht mich mit, ich darf nicht umfallen. Nicht umfallen, nicht umfallen. Dann endliche eine Seitenstraße aus der kein Nebel kommt. Schmecke die kühle Luft, sauge sie ein. Taumel weiter. Ein offenes Geschäft neben mir hält die Tür auf. Und drinnen brennt plötzlich alles. Jedes Stück nackte Haut ist in Feuer getunkt. Gas kommt hoch, mir ist kotzübel. Und dann fangen die Leute auf der kleinen Straße plötzlich an zu rennen. Der weiße Nebel kriecht auch unsere Straße hinuter, kriecht auch in unseren Laden hinein. Wir schließen die Fenster, lassen sogar die Rollos runter aber der Nebel dringt durch.
Wir haben keine Ahnung was draußen passiert aber das Bild ist gespenstisch. In dem kleinen Laden breitet sich der zähe Nebel aus. Ein Mädchen neben mir bekommt Panik. Immer wieder knicken ihr die Knie weg und sie rutscht ein Stück an der Wand hinunter. Ich drücke ihr meine Maske ins Gesicht aber das Gefühl in der Falle zu sitzen bleibt. Was, wenn das Mädchen jetzt ganz umkippt? Es ist keine Hilfe zu erwarten von nirgends. Wie Ratten die ausgeräuchert werden. Die Ladenbesitzer öffnen ihre Vorratskammer und wir drängen ins Dunkele hinein. Nur weg von dem Nebel. Zwei Frauen, ich und das Mädchen stehen zitternd nebeneinander. Keine Extremisten, keine Steinewerfer und trotzdem fast vergast. Bisher war ich unsicher aber jetzt weiß ich: Einem Staat, der einen Platz mit so vielen Menschen ausräuchern lässt, dem traue ich alles zu. Jeder, der eine dieser Gaskartuschen in die Menge feuerte, jeder, der den Befehl dazu gab, ist ein potentieller Mörder. Wird diese Generation Türken der Polizei je wieder trauen können? *

Ich traue der Polizei nicht mehr. Bei meinem Morgenspaziergang durch den, immer noch besetzten aber durch in Panik geratene Menschen, Tränengas und Polizei verwüsteten Gezi-Park standen mir Tränen in den Augen. Und ich hatte Angst, Angst davor, dass wieder ohne Vorwarnung Tränengas geschossen wird. Erdogan hat angekündigt künftig „Keine Toleranz mehr walten zu lassen“. Diese Ankündigung ist der pure Wahnsinn denn die einzigen die in den letzten Tagen Toleranz gezeigt haben, sind die Besetzter_innen des Gezi-Parks.

* Dieser Text ist Sekunden nach der massiven Tränengas-Attacke entstanden. Ich habe ihn hier nicht verändert, damit es authentisch bleibt. Einiges würde ich aber so nicht schreiben, wenn ich nicht grade im totalen Schockzustand wäre. “Vergast” z.B ist ein Wort, was mir in dem Moment ohne Assoziationen durch den Kopf ging. Es sollte einfach beschreiben, dass es sich anfühlte, als gäbe es statt Luft nur Gas zu atrmen und nie wieder etwas anderes. Ich möchte auf gar keinen Fall die Polizeigewalt mit dem Holocaust vergleichen. Die zweite Stelle, die mir Bauchschmerzen bereitet ist “keine Extremisten, keine Steinewerfer”. Erdogan betont immer wieder, dass seine Polizeiaktionen sich nicht gegen friedliche Demonstranten sondern gegen die “Terroristen”, die sich unter die Demonstranten mischen würden, richten. Der Anteil derer, die tatsächlich Gewalt ausübt ist aber so gering, dass er auf gar keinen Fall solch massive Angriffe seitens der Polizei rechtfertigt. Desweiteren gibt es natürlich auch immer noch Diskussionen darum, zu wem diese wenigen gewaltätigen Menschen gehörten und ob es nicht vielleicht auch legitim ist,  zu versuchen sich mit Steinen oder Molotovcocktails gegen die anrückende Polizei zu verteidigen.

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7 thoughts on “Tagebuch einer ausländischen Extremistin

  1. vielen Dank für deinen Post. Wirklich sehr gut geschrieben und informativ. Ich verfolge auch die Geschehnisse in der Türkei und kann nur hoffen das keine weitern Zivilisten verletzt werden.

  2. Wow! Das sind wirklich heftige Eindrücke, die du da gewährst! Vielen Dank für den tollen Artikel! Gut das es nicht immer um Mode, Outfits und Nagellacke auf Blogs geht!

    Liebe Grüße, Miss B.

  3. eine spirale der gewalt. hoffentlich führt internationaler druck zu einem einlenken.
    ganz am rande: der letzte absatz ist doppelt.

  4. Pingback: Stillgestanden. | move — Wissen, wie Europa tickt.

  5. Pingback: Mein NSA-Skandal Teil 1 – Die antiamerikanische Revolution und Kalaschnikows | frolleineuropa

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