Stillgestanden.

Es ist ein komisches Gefühl einfach stehen zu bleiben. Der Taksim ist ein Platz, über den normalerweise nur gehetzt wird. Vom Bus zur Ubahn, schnell noch mal ganz kurz bevor die Läden schließen zum Einkaufen, die Touristen fallen hier aus den Flughafenbussen und ihre Rollkoffer klappern über den gepflasterten Boden wenn sie zu ihren Hotels eilen. Es kostet mich ein wenig Überwindung aus der laufenden Masse hinauszutreten und stehen zu bleiben. Die Menschen, die eben noch neben mir liefen, bleiben jetzt stehen um mich zu fotografieren. Sie fotografieren die stehenden Menschen auf dem Taksim-Platz, weil sie die stille Fortführung der lauten Schlagzeilen der letzten Wochen sind.

SAM_0209Nach der Räumung des Gezi-Parks am Samstag hing eine Tränengasglocke über der Stadt. Zwei Tage lang bewegte ich mich kaum. Ich wohne zur Zeit in Beyoglu, das ist das Viertel rund um den Taksim-Platz. Die türkische Regierung rief zu Pro-Erdogan Demos auf und Bildern von zehntausend jubelnden Menschen jagten durch die Presse. Weil aber Demonstration nicht gleich Demonstration ist, war und ist jede Nicht-Pro-Erdogan-Demonstration verboten. In den ersten Tagen standen an jeder Ecke schwer bewaffnete Polizisten. Fanden sich Gruppen von mehr als circa zehn Menschen zusammen, wurden sie mit Tränengas auseinander gejagt. Ging ich zwanzig Meter die Straße hinauf, rollten wieder Tränengasgranaten vor meine Füße. Ging ich die Straße hinunter wartete ein Wasserwerfer auf mich. „Es brennt nicht, also kann es keine Luft sein.“ scherzten wir mit den Menschen im Hostel, wenn es ein paar Tränengas-freie Minuten gab.

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Polizei bewacht die Straßen in Beyoglu

In der 18 Millionen Menschen Stadt wurden einige Lebensadern zerschnitten. Es fuhren keine Fähren mehr an unser Ufer und die Metro machte zu wenn sich irgendwo wieder Menschen sammelten. Die öffentlichen Busse wurden umfunktioniert in Busse, die nur zu Erdogans Demonstrationen fuhren. Auf diesen Demonstrationen und sonst auch immer, wenn ihm jemand ein Mikrophon unter die Nase hielt, triumphierte Erdogan über den Sieg über die eigene Bevölkerung. Es machte mich wütend und hilflos zu hören was er sagte. „Der Gezi-Park ist nun wieder für alle Istanbuler da. Die wahren Umweltschützer sind am Werk.“ erzählte er, während der Park noch immer von der Polizei besetzt ist. Noch nicht einmal die Presse hatte Zugang. Er plauderte über angebliche Raketenabwehrsystem, Waffen und Kondome im Gezi-Park. Wieder witterte er ausländische Verschwörungen hinter den Protesten und verspricht beinah täglich, nun auch die Beweise für diese Verschwörungen vorzulegen. Es gingen Gerüchte um von AKP-Prügeltrupps, die ungehindert von der Polizei „Capulcus“ verprügelten. In diesen Tagen hatte ich Angst vor einem Bürgerkrieg. Erdogans Rhetorik spaltet die Menschen in zwei Lager. Statt Brücken zu Bauen hetzt er Menschen gegeneinander auf. Und es schien zu funktionieren. Nachdem ein Café, welches normalerweise bis etwas zwei Uhr morgens aufhat, aus Angst vor Polizeiübergriffen schon um 17 Uhr schloss, lief ich zurück zum Hostel. „Be careful Girls! Don’t go out tonight“ [Seit vorsichtig Mädchen, geht heute nicht raus] rief eine Frau mir und meiner Freundin zu. „Yeah, the police has been pretty bad lately, we know.“ [Ja, die Polizei war furchtbar in den letzten Zeit] antworteten wir. Da wurde die Frau wütend: Würde keiner protestieren, so gäbe es auch keinen Grund hier ständig mit Tränengas zu schießen, sagte sie schrill. Ich spielte mit dem Gedanken Istanbul zu verlassen.

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Eine Tränengasgranate ist in das Schaufenster eines Ladens in der Nähe des Hostels geflogen

Und dann tauchte Montagnacht das Bild, des stehenden Mannes bei Twitter auf. Mit den Händen in den Hosentaschen starrte er geradeaus. Es dauerte ein paar Stunden, bis die Polizei den still stehenden Mann als Demonstranten erkannte. Sein schweigendes Stehen machte sie ratlos. Demonstrationen auf dem Taksim-Platz sind verboten. Aber schweigendes Stehen? Nach acht Stunden führten sie den Mann trotzdem ab. Obwohl er sehr schnell wieder freigelassen wurde, hatte sich seine Verhaftung und sein stiller Protest herumgesprochen. Bereits in der ersten Nacht sammelten sich hunderte schweigend und still um ihn. Die Zeitungen interpretieren, dass sie auf das große Atatürk-Portrait, welches am Kulturzentrum vor ihnen hängt, gucken. Ich denke aber, sie könnten genauso gut auf die türkische Fahne blicken. Oder auf die Polizisten, die seit der Räumung des Gezi-Parks vor dem Kulturhaus ein Stückchen Platz abgezäunt haben, was sie nun ihrerseits besetzt halten. Sie sitzen und stehen dort, spielen Karten, formieren sich ohne ersichtlichen Grund, setzen Helme auf und ab und starren zurück. Ich weiß das so gut, weil auch ich genug Zeit hatte sie zu beobachten.

Schon nach zehn Minuten stehen beginnen meine Füße zu schmerzen. Ich versuche den Kopf nicht zu drehen wenn von irgendwo ein Geräusch kommt. Immer juckt irgendwo ein Stückchen Haut oder ich überlege, ob ich mein Gewicht von links nach rechts verlagern sollte. Am schwersten fällt es mir, die vielen Kameras zu ignorieren. Hier zu stehen heißt, dass Recht am eigenen Bild abzugeben. Menschen kommen sehr, sehr nah am mich heran mit ihren Kameras. Es fühlt sich komisch an wenn sie um mich herumschleichen. Normalerweise würde ich keinem Fremden erlauben Nahaufnahmen von meinem Gesicht zu machen. Aber hier scheint es, als hätte ich mein automatisches Einverständnis gegeben, dadurch, dass ich still stehe. Was machen all die Touristen mit ihren großen Kameras mit meinem Bild? Wird mein Gesicht in Nahaufnahme in der Urlaubs-Slideshow für ihre Familie erscheinen?

Im besetzten Gezi-Park dauerte es lange bis die ersten „Bitte erst Fragen und dann Bilder machen“ Schilder an den Zelten auftauchten. Davor, und eigentlich auch noch danach, war jede Handlung der Menschen dort öffentlich und wurde dokumentiert. Zähneputzen, Lesen, Schlafen, Essen, Singen… Es gibt wohl keine Pose der Capulcus, die im Internet nicht zu finden ist. Die #Occupygezi Proteste leben durch ihre Bilder. Es waren die Fotos der Frau im roten Kleid, die die Menschen überhaupt erst in den Park brachten. Die Bilder der tanzenden Menschen im Park bewies, dass sie nicht die gefährlichen Terroristen waren, die die Regierung aus ihnen machen wollte. Und die Bilder der Tränengasgranaten im als Krankenhaus genutzten Hotel und der brutal agierenden Polizei schafften es in der internationale Presse und brachten Erdogan in Bedrängnis. Obwohl ich also weiß, dass jedes Bild ein Multiplikator ist und unserem stillen Protest nützt, fällt es mir schwer, mich nicht wie ein Zootier zu fühlen.

Wenn ich es schaffe, die Kameras auszublenden, fühle ich mich stark. Die #Occupygezi Proteste sind mir ans Herz gewachsen. Ich habe nie eine demokratischere, vielfältigere und kreativere Protestbewegung als dieser hier erlebt. Ich habe im Park die Solidarität der türkischen Bevölkerung genossen und viele Freunde gewonnen. Hilflos zu zusehen, wie die Propaganda der Regierung diese Proteste kleinredet und verunglimpft statt auf sie einzugehen hat mir überraschend doll weh getan. Das Gefühl, dass es vorbei ist und ich nichts mehr tun kann, war furchtbar. Hier zu stehen ist das Gegenteil. „Ich habe nach einem Weg gesucht meinen Schmerz auszudrücken“, sagte Erdem Gündüz, der erste stehende Mann. Still zu stehen heißt für mich, zu zeigen, dass in dieser Stadt nicht mehr jeder für seine Rechte auf die Straße gehen darf. Still zu stehen drückt für mich die Hilflosigkeit aus, die ich angesichts der tausenden Verletzten, der fünf Toten und vielen, vielen Verhafteten empfinde. Es ist ein Grübeln. Wie konnte es soweit kommen? Hätte eine solche Eskalation verhindert werden können? Was wird bleiben von den Protesten? Und was kann ich für mich mitnehmen?

Immer wieder kommen Menschen vorbei und stellen still Wasserflaschen vor meine Füße. In allen verbleibenden Parks Istanbuls treffen sich abends Menschen, um zu diskutieren wie es weiter geht. Und wir sind nicht die einzigen, die still stehen. In jedem Stadtviertel Istanbuls sind Menschen stehen geblieben, um ihren Schmerz auszudrücken. Es kursieren Bilder, von ostanatolischen Städtchen in denen Menschen einfach stehenbleiben. Es ist die Solidarität, die mich im Gezi-Park so fasziniert hat, die hier still weiterlebt.

SAM_0213Bis spät in die Nacht stehen Menschen in Mecidiyeköy, Istanbul, auf einem kleinen Platz vorm Ubahneingang still.

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10 thoughts on “Stillgestanden.

  1. Vielen Dank für deine Einblicke über den neuen “stehenden” Protest. Gut zu hören, dass du dich dabei stark fühlst, man hätte ja auch ohnmächtig denken können.
    Aus der Ferne betrachtet hat man den Eindruck, das die Bewegung durch die Repression geschwächt ist und an Zulauf verloren hat. Siehst du das auch so?

    • Vielen Dank für dein Interesse 🙂 Deine Frage ist für mich sehr schwer zu beantworten, weil sich die Art des Protests so sehr verändert hat. Als es noch die großen Demos und den besetzten Park gab, war es sehr einfach zu schätzen, wie viele Menschen sich an den Protesten beteiligen. Wobei auch diese Schätzungen mit Vorsicht zu genießen waren, weil die Menschen, die Abends an ihren Fenstern auf Töpfe und Pfannen schlugen, Essen in den Park brachten oder an kleinen lokalen Demos teilnahmen nicht mitgezählt wurden. Jetzt ist der Protest sehr dezentral geworden. In fast jedem Stadtteil Istanbuls, und angeblich auch in fast jeder Stadt der Türkei, gibt es abends in den Park Bürgerversammlungen. Hunderte Menschen treffen sich dort und diskutieren darüber, wie es weiter gehen soll. Außerdem gibt es halt noch die stehenden, schweigenden Proteste.
      Ich kann wirklich nicht beurteilen, ob es nicht vielleicht sogar mehr Menschen geworden sind, die sich für die Proteste interessieren und grade jetzt nach der “heißen Phase” nach Lösungen suchen wollen.
      Was aber ganz sicher stimmt, ist das Repressionen vielen Menschen Angst gemacht haben. Es gab und gibt viele Verhaftungen und die Befürchtung, dass die Polizei auch die Parkversammlungen und stehenden Proteste angreift, bleibt.

      Eine Bekannte von mir, dass Mädchen Fatos aus Gezi rund um die Uhr Post, wurde bei der Räumung des Parks verhaftet. Obwohl sie inzwischen freigelassen wurde, ist sie sehr traumatisiert und bittet darum, nicht kontaktiert zu werden. An den Protesten nimmt sie, im Moment, auch nicht mehr Teil. Ich denke, dass sie nicht die einzige ist, die Polizeigewalt erlebt hat und jetzt nicht mehr an den Protesten teilnehmen will oder kann.

      Ich kann aber wirklich nicht beurteilen, ob die Bewegung als ganzes geschwächt wurde. Das wird sich wohl mit der Zeit zeigen…

      viele liebe Grüße,
      frollein europa

  2. In der Zeitung habe ich heute auch schon über den stehenden Protest gelesen und bewundere euch sehr. Ich finde es kreativ und mutig, den Protest auf diese Weise weiterzuführen – Gewalt nicht mit Gewalt zu beantworten, sondern immer wieder neue Wege zu finden. Es erinnert mich an den Spruch vom weichen Wasser, das den harten Stein schließlich bricht. Danke für’s Durchhalten!

  3. Sehr schön, mir gefällt dein Blog ich muss aber zu geben ich teile nicht wirklich die Meihnung deiner Post jedenfalls nicht aller aber ich liebe Proteste und das nicht nur weil sie gegen etwas sind sondern weil sie etwas verändern wollen 🙂
    Dazu ist dein Blog anders was sich auch sehr gut finde, er dreht sich nicht um das Thema Mode, Styl, Klamotten und Essen usw. sondern um ein Ernstes Thema!

    Mach weiter so liebe Grüße =)

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