Gezi rund um die Uhr – Mittags

Eigentlich war ich am Freitag, dem 14.06.2013 gegen 11.30 Uhr zum Pilates mit einem LGBT-Aktivisten verabredet. Es war ein Freitag und der Gezi-Park schon seit dem Morgen, trotz leichten Regens, brechend voll. Als der Mann nicht auftauchte, oder wir uns verpassten, zuckte ich die Schultern und meinte zu einer mich begleitenden Freundin: „Nicht so schlimm, lass es uns morgen nochmal probieren. Vielleicht läuft man sich ja auch später noch über den Weg.“ Wir liefen bei Eren vorbei, doch der gab grade ein Interview für das ZDF. Eine Frau fragte ihn, ob sie den Park im Laufe des Tages freiwillig räumen werden. „Nein, wieso?“, gab Eren erstaunt zurück. Sie erzählte, dass ein Gerücht im Umlauf sei. Gestern Nacht hätte sich die Taksim Solidarity Platform mit Erdogan getroffen und gemeinsam hätte man beschlossen, den Park zu räumen. „Glaub ich nicht, wir bleiben hier!“ sagte Eren bestimmt.

SAM_0174Solidarität im verregneten Park

Dieser Freitag vor fast einem Monat war mein letzter vollständiger Tag im Gezi-Park. Inzwischen wurde der Park geräumt. Und trotzdem gehen die Proteste auf verschiedenste Art und Weise weiter. Doch ich bin nicht mehr in Istanbul. Nach der Räumung des Parks verbrachte ich noch zwei weitere Wochen in der Türkei. Ich erlebte, wie hunderte Menschen gemeinsam still standen und besuchte zwei Bürgerforen in den verbleibenden Istanbuler Parks. Schließlich reiste ich über Izmir nach Konya, eine konservative Hochburg. Dort staunte ich ein paar Tage lang über diese AKP-Modellstadt und recherchierte für einen Post über die wirtschaftlichen Verstrickungen Erdogans Partei. Und irgendwann dann, nach zwei Monaten Türkei, hieß es Abschied nehmen. Als nächstes Land steht Griechenland auf meiner Liste. Lange habe ich mich darauf gefreut, nur um festzustellen, dass ich, einmal dort angekommen, nicht abschalten konnte. Wie am ersten Tag der Proteste aktualisierte ich Twitter, Facebook und Hürriyet Daily News im Sekundentakt. Mein Kopf und mein Herz blieben in der Türkei. Schließlich buchte ich einen günstigen Flug nach Deutschland und mache nun Zuhause eine kurze Pause. Ich brauche Zeit um zu verarbeiten was ich erlebt habe und den Kopf frei für Neues zu bekommen. Die lange Pause auf meinem Blog tut mir sehr leid. Ich habe 500 Fotos und noch viele unveröffentlichte Interviews aus dem Gezi-Park und den darauffolgenden Protesttagen auf meinem Computer gespeichert. Einiges davon, und einen Post über Konya, werde ich hier noch veröffentlichen bevor es am 17.Juli für mich wieder zurück nach Griechenland geht.

Doch nun zurück zu meinem letzten Freitag im Gezi-Park:

Wenn es so etwas wie eine offizielle Vertretung der Capulcus gibt, dann ist es die Taksim Solidarity Platform. Sie setzt sich aus den Gruppen, die im Park vertreten waren, zusammen und ist auch jetzt, nach der Räumung noch aktiv. Im Park gab es eine große Bühne aus der Künstler auftraten oder Reden gehalten wurden. Diese Bühne war praktisch das Büro der Taksim Solidarity Platform. Nach dem ich durch das ZDF Interview von dem Räumungsgerücht erfahren hatte, machte ich mich auf den Weg zur Taksim Solidarity Platform um mehr herauszufinden. Am Rande der Bühne lief ich einem ukrainischen Journalisten in die Arme. Der kleine, etwas dickliche Mann redete grade auf einem drahtigen Mann mit kurzen schwarzen Haaren und einem Ohrring im linken Ohr ein. „Who’s your leader? [Wer ist euer Anführer?]“ fragte der Journalist. Sein Kameramann trat hinter ihm von einem Bein aufs andere. „Take me to your leader! [Bring mich zu eurem Anführer].“ Der Mann mit dem Ohrring lächelte ihn entschuldigend an. „There is no leader.“ [Es gibt keinen Anführer.] Der Journalist schnaubte, besprach kurz etwas mit seinem Kameramann und verschwand dann. Hinter uns warteten noch so einige andere Kamerateams auf Interviews. Es waren die Tage, an denen die ganze Welt gespannt auf den kleinen besetzten Park blickte. „Oh, eine Bloggerin!“ freute sich der schwarzhaarige Mann, als ich mich vorstellte. Ohne einen Presseausweis und ohne das Versprechen Millionen von Menschen zu erreichen, wurde ich genauso ernst genommen, wie die Fernsehteams. Ein ungewohntes Gefühl. Der Mann verschwand und kam kurz darauf mit zierlichen Teegläsern zurück. „Wollt ihr den Park wirklich freiwillig räumen?“ platzte ich los. „Nein! Wir gehen nicht!“ sagte der Mann, der sich nun als Ali Can Elagöz vorstellte. “Es gab gestern Nacht ein Treffen einiger Mitglieder der Platform mit Erdogan. Dieses Treffen war ein erster Schritt. Endlich ist die Regierung zu Gesprächen mit uns bereit. Aber wir werden die Besetzung nicht aufgeben, bis unsere Forderungen erfüllt sind. Oder wenigstens konkrete Schritte unternommen wurden. Regierungen versprechen ständig irgendetwas. Halten tun sie es nur selten. Wir bleiben hier, um sie an ihre Versprechen zu erinnern.”

In jenen Tagen waren die türkischen Medien voll von einem angeblichen Referendum über den Park, das die Solidarity Platform abgelehnt hätte. Tatsächlich sagten Erdogan und der Bürgermeister Istanbuls, man würde über ein Referendum über die Zukunft des Gezi-Parks nachdenken (nach der gewaltsamen Räumung des Parks, wurde dieses Referendum übrigens nicht wieder erwähnt. Dafür hat ein Gericht entschieden, dass der jetzige Bebauungsplan unzulässig ist und ein neuer vorgelegt werden muss.) Ali glaubte  an meinem letzten Tag im Park jedenfalls nicht, dass es jemals zu diesem Referendum kommen werde. Aber selbst wenn Erdogan den Vorschlag ernst meine, unterstütze er ihn nicht, sagte er. Ironischerweise lieferte Erdogan selber ihm den Grund für seine Ablehnung: „Über Grundrechte und Freiheit darf nicht abgestimmt werden. Über die Rechte eines Menschen, seine Freiheit, die Freiheit einer Gesellschaft und die Wahl eines Lifestyles oder Glaubens kann nicht per Referendum entschieden werden.“ hatte Erdogan 2009 bei einem Parteitag der AKP gesagt. Für Ali sind öffentliche Plätze Freiheit. Von einem Shoppingcenter profitieren immer nur die Privilegierten, die mit genügend Geld zum Shoppen. Ein Park aber wäre für alle Bürger da. In einer Stadt mit 18 Millionen Einwohnern und viel zu wenig Grünfläche sei ein Park das Recht derer, die Erholung bräuchten oder Kinder hätten, begründete Ali seine Haltung.

SAM_0175

„Ich bin für meine persönliche Freiheit hier. Ich bin hier als Bürger der Türkei, der will, dass öffentliche Plätze öffentlich bleiben. Auf diesen öffentlichen Plätzen möchte ich reden können, über was immer ich reden will. Ich will auch veröffentlichen können, was immer ich möchte. Ich will ein mündiger Bürger sein. Demokratie ist mehr für mich als nur alle paar Jahre meine Stimme abzugeben.“, fuhr er fort.

Zum Schluss bat ich ihn noch, mir zu erklären wie die Taksim Solidarity Platfrom funktioniere. „Wir sind ein Zusammenschluss von über 80 im Park vertretenen Gruppen. Wir treffen uns jeden Tag und besprechen, ob wir ein Statement herausgeben wollen. Wenn ja, überlegen wir, was in dem Statement stehen soll. Außerdem diskutieren wir Probleme, Vorgehensweisen und Konflikte auf diesen Treffen“. Am meisten begeistere ihn, dass sie Gruppen so unterschiedlich sein, sagte er. „Vor drei Wochen haben türkische – und kurdische Nationalisten sich noch gegenseitig umgebracht, jetzt sitzen sie an einem Tisch und diskutieren“, schwärmte er. „Aber natürlich gibt es auch Probleme. Ich persönlich bin Sozialist. Ich habe ein persönliches Problem mit den Nationalisten. Aber wir versuchen alle ruhig zu bleiben und sachlich zu diskutieren. Wir versuchen uns auf unsere Gemeinsamkeiten zu konzentrieren und trotzdem Kritik aneinander zu üben, wenn uns etwas stört.“ Ali selber wirkte überrascht darüber, dass diese improvisierte Basisdemokratie so gut funktionierte. „Das hatten wir in der Türkei noch nie! Zwei Wochen Gezi-Park haben mehr erreicht, als 20 Jahre offizielle Demokratie!“  „Und kann jeder Teil der Platform werden?“, fragte ich. Ali zögerte. Im Grunde stehe es schon jedem offen, sagte er. Sie würden aber so verfahren, dass ein Mitglied für einen Neuling bürgen müsse. Die Angst vor Zivilpolizisten und Spitzeln säße tief, grade bei denen, die schon länger aktiv politisch sind.

Inzwischen drängelten sich bestimmt doppelt so viele Journalisten vor der Bühne. Eine Frau, die schon seit einer Weile neben uns stand und Alis Antworten mitschrieb, übernahm nun gekonnt das Interview, etwa so, wie man nach einem Lied elegant den Tanzpartner wechselt.

Ich machte mich auf die Suche nach dem LBGT-Pilateslehrer. Gemeinsam mit Christiane, einer in der Gezi-Zeit liebgewonnenen Freundin, schlenderte ich zwischen den Zelten entlang. Neben dem bunten LBGT-Infozelt sprach uns plötzlich junger Mann auf deutsch an. Pavel hatte uns deutsch reden hören war neugierig geworden. Wir begannen uns zu unterhalten und er erzählte, er sei eigentlich Pole, in Deutschland aufgewachsen und nun in Istanbul gestrandet. Er habe sich in einen Türken verliebt und sei ihm zu Liebe in die Türkei gezogen. Obwohl die Beziehung in die Brüche ging, blieb Pavel. Inzwischen fühle er sich in Istanbul zuhause, habe Arbeit an einem Theater und sogar eine neue Liebe gefunden. Eigentlich sollte das Gespräch mit Pavel nie ein Interview werden und meine eher zufällig gemachten Notizen waren nicht zu Veröffentlichung bestimmt. Aber wer hätte schon ahnen können, dass ich keine weitere Chance haben würde, meinen LGBT-Aktivisten im Park zu finden? Pavel wurde in den nächsten Tagen zu einem Freund und erlaubte mir, zu verwenden was er sagte. Allerdings habe ich seinen Namen verändert, da er Angst hat, dass seine Arbeitserlaubnis nicht verlängert würde, wenn er sich als Schwul und Capulcu outet.

SAM_0180Pavel (mit dem Rücken zur Kamera) im Gespräch

Bei unserer ersten Begegnung im Park gerieten wir in eine Mini-Demo einer Gruppe Schüler. „Tayyip istafa!“ [Tayyip Erdogan, tritt zurück] riefen sie. Pavel lächelte. Er glaubte nicht daran, dass Erdogan zurück treten werde. Allerdings auch nicht daran, dass er die Mehrheit des Volkes repräsentiere. „Erdogan regiert inzwischen wie ein Autokrat. Es interessiert ihn nicht mehr, was das Volk denkt, er vertritt nur noch seine eigenen Ansichten und Meinungen.“ Weil Pavels türkischer Freund neben uns stand, unterhielten wir uns auf englisch. Jemand anders hatte und zugehört und mischte sich nun ein. „Also glaubst du nicht, dass die türkische Bevölkerung konservativer und islamischer wird?“ „Nein, glaub ich nicht.“ entgegnete Pavel. Sie diskutierten eine Weile und kamen zu dem Ergebnis, dass man das schlecht sagen könne, weil es, selbst in Istanbul, einfach zu unterschiedliche Ecken gebe. Istanbul wird oft als Klein-Türkei beschrieben. Man sagt, aus jedem Dorf der Türkei findet sich hier ein Vertreter. In den fünfziger Jahren, als er der Türkei wirtschaftlich sehr schlecht ging, sind ganze Dörfer nach Istanbul geflüchtet. Oft leben diese Menschen noch immer zusammen. Das führt dazu, dass Istanbul unterschiedliche Ecken hat. Für Ausstehende ist es fast unmöglich den Überblick darüber zu behalten, wo Schwule zum Beispiel Händchen halten können und wo sie es besser nicht tun sollten.

Im Gezi-Park küssten sich Schwule, Lesben und alle anderen Menschen ganz selbstverständlich. Pavel war darüber genauso erstaunt, wie Ali es über die funktionierenden Diskussionen war. „Direkt da drüben haben die Nationalisten ihr Zelt und es stört sie überhaupt nicht, wenn wir hier unsere Regenbogenfahren hin hängen.“ sagte er. Er glaubte, dass es ohne den starken äußeren Feind und die Polizeibedrohung niemals so weit gekommen wäre. Wie fast alle an diesem Tag war er davon überzeugt, dass nun ein paar ruhige Tagen folgen werden. Er war gespannt, wie es inhaltlich weiter geht, wenn die Bedrohung nachlässt.

“Aber egal wie es endet, die Demonstranten haben schon gewonnen”, fand er. „Seit Atatürk haben die Türken immer nach einem starken Mann gesucht, der sie führen kann. Jetzt haben sie sich endlich von dieser Idee verabschiedet und haben gemerkt, dass es auch ohne geht. Das ist wahnsinnig viel wert!“

 Auf dem Weg raus aus dem Park musste ich mich durch die ankommenden Studentenhorden quetschen. Es ging auf den Abend zu und alle, die den Tag über beschäftigt gewesen waren, kamen nun in den Gezi-Park um sich mit ihren Freunden zu treffen. Mit einer Gruppe Studenten war ich für später am Abend noch verabredet. Das Interview mit ihnen und einer Frau vom Caplucu-TV wird den letzten Teil der „Gezi rund um die Uhr“ Reihe bilden.

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2 thoughts on “Gezi rund um die Uhr – Mittags

  1. Oh Lilja, ich bin ja so froh, dass Du Dich wieder gemeldet hast, hatte schon ein bisschen Sorge…
    Das war eine weise Idee von Dir, erstmal wieder nach D. zu reisen, um zu verarbeiten und zu verdauen, ich glaube, dieses Bedürfnis wird in der schnelllebigen Welt von heute viel zu selten erkannt und wertgeschätzt.
    Übrigens ist Dein Breb-Buch inzwischen hier angekommen, vielen tausend Dank nochmal!!

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