Mein NSA-Skandal Teil 2 – Trampen und Teleschirme

Das ist der zweite Teil eines Posts, dessen ersten Teil ihr hier findet.

Geplant war es, am Morgen früh in Porto Heli aufzubrechen. Was natürlich nicht funktionierte. Die Jungs, die uns bis zur Autobahnauffahrt fahren wollten, schliefen fest. Und so probierten wir uns in der beginnenden Mittagshitze am innerörtlichen Trampen. Zu Recht sagt jeder Hitch-Hiking Ratgeber, es sei so gut wie aussichtslos innerhalb einer Ortschaft mitgenommen zu werden. Wir standen etwa eine Stunde an der Straße, hielten unser Schild in die Höhe, lächelten nett und versuchten uns in Zeichensprache mit den örtlichen Roma-Kindern zu unterhalten, die uns offensichtlich für verrückt hielten. Immer wieder hielten Autos kurz an. Sie wiesen uns dann entweder darauf hin, dass es auch einen Bus gäbe, den wir nehmen könnten, oder darauf, dass die Kinder um uns herum berüchtigte Taschendiebe sein. Es ist übrigens eine der traurigsten Schlussfolgerungen meiner Reise bisher: Antiziganismus ist ein sehr verbindendes Element in Europa. Egal ob in Belgien, Frankreich, Rumänien, der Türkei oder in Griechenland: Immer werde ich vor „den Zigeunern“ gewarnt.

SAM_0446Noura beim Schild malen

An der Straße in Porto Heli jedenfalls wurden wir nicht beklaut, aber die Kinder verschwanden alle nachdem der Eigentümer des Grundstückes, auf dem wir wohl standen, sie verscheucht hatte, uns aber viel Glück beim Trampen gewünscht hatte.
Glück hatten wir aber tatsächlich. Einer unserer Gastgeber war aufgewacht und wollte nun in den nächsten Ort zum Tierarzt fahren, auf dem Weg kam er an uns vorbei und nahm uns dann, wie versprochen und nur etwas verspätet, bis zur Autobahn mit.

Unser zweiter Fahrer an diesem Morgen fuhr ein kleines, rotes Auto und war grade auf dem Weg zu seiner Freundin. Er hatte auf Spetses als Schauspieler gearbeitet und war von seinem Chef nicht mehr bezahlt worden. Als der Chef sich weigerte ihm Geld zu geben, packte er seine Sachen und beschloss seine Freundin in Athen abzuholen und mit ihr ein neues Leben zu beginnen. Den Chef hatte er aber vergessen über seine Pläne zu informieren. Als dieser merkte, dass ihm der Schauspieler für die Show am Abend fehlen würde, wurde er fuchsteufelswild. Zumindest ließ sich das aus dem aufgeregten Telefonaten unseres Fahrers schließen. Wenn unser Fahrer nicht telefonierte, unterhielt er uns mit Geschichten aus der Gegend. Er liebte die Natur, kannte eine Geschichte zu jedem Berg und sprach Alt-Griechisch. Sein größter Wunsch wäre es, sich von der Gesellschaft abzusetzen und irgendwo in Griechenland ein Stück Land zu bearbeiten, sagte er. Vom NSA-Skandal hatte er noch nicht gehört und er musste lachen bei der Vorstellung, jemand könnte das Gespräch mit seinem ehemaligen Chef abgehört haben.

SAM_0445Pause zwischen zwei Telefonaten

Auf unserer weiteren Reise nahmen uns sechs verschiedene Menschen nahmen uns jeweils ein Stück der 600 Kilometer Strecke quer durchs Land mit. Zweimal saßen wir mit Familien im Auto, eine pensionierte Bankangestellte teilte Kuchen und Pasteten mit uns und jede Fahrt war wie Überraschungsbesuch im Leben eines fremden Menschen. Teilweise hatten sie schon mal etwas von der amerikanischen Überwachung gehört, teilweise nicht. „Aber warum sollten die sich für Griechenland interessieren und warum in Griechenland ausgerechnet für mich?“, fragte eine Frau. In Griechenland gäbe es wichtigere Probleme, so waren sich alle einig. Wenn es euch interessiert schreibe ich auch gerne mehr über das Thema trampen in Griechenland und wie es sich anfühlt, während einer roten Ampelphase an Autofenster zu klopfen um ein paar Kilometer mitgenommen zu werden.

Auf mich wirkte sich die Hartnäckigkeit, mit dem sich der NSA-Skandal in den deutschen Medien hält, positiv aus. Ich begann mich mit den verschiedenen Überwachungsprogrammen auseinander zu setzten und die riesigen Zahlen überwachter Menschen zu verstehen. Mit Noura verglich ich die deutsche Berichterstattung mit der in den amerikanischen Medien. Außerdem fand ich während unserer Reise in einem Buchladen eine zerlesene englische Ausgabe von dem Buch 1984, die ich mitnahm, obwohl ich es auf deutsch schon gelesen hatte. Wie klischeehaft, während eines Überwachungsskandals 1984 zu lesen!

Ich bin öffentlich verfolgbar. Mein Blog, Facebook, Twitter und Couchsurfing sind Dinge, die sich mit wenig Aufwand meinem richtigen Namen zu ordnen lassen. Auch ohne NSA bin ich also für jeden, den es interessiert, ziemlich gut zu überwachen.

Aber wenn zusätzlich jede Sucheingabe im Internet meinem Computer und somit mir zugeordnet werden kann, bin ich nicht nur Überwachbar sondern auch Vorhersehbar.
Ich überlege nach Lettland zu trampen? Ein Profil meiner letzten Google-Suchen weiß das vermutlich bevor ich mich überhaupt dafür entschieden habe. Eine Datenbank, die alle Mails speichert, die ich an meine Freunde oder Familie schicke, weiß mehr über mich als meine engsten Freunde. Das ist es, was mir an der Überwachung am meisten Angst macht: Gesammelt können all diese Informationen über mich soviel aussagen, dass sie mich vorhersehbar machen. Jemand, der eine Datenbank mit all diesen Informationen auswertet könnte zum Beispiel sehr einfach vorhersehen gegen welche Gesetze oder Handlungen ich demonstrieren gehen würde. Lange bevor ich überhaupt wissen würde, dass es einen Anlass für Protest gäbe.

So durchsichtig zu sein erinnert mich an die Gedankenverbrechen in Ozeanien. Dort kann verhaftet werden, wer daran denkt Kritik am Regime zu üben. Mit Hilfe eines Überwachungsprogramm wie PRISM wäre es zum Beispiel sehr einfach möglich, alle, die auf Grund ihrer Interessen oder auf Grund dem, was sie in in früheren Mails schrieben, als Verdächtig gelten würden z.B gegen Atomkraft zu demonstrieren vor dem nächsten Castortransport, vorsorglich einzusperren. Obwohl diejenigen vielleicht niemals vor hatten tatsächlich zum Castortransport zu fahren. Nach der momentanen Rechtslage darf die Polizei übrigens tatsächlich Menschen vorsorglich in „Präventivgewahrsam“ nehmen, wenn die Gefahr besteht, dass sie eine Straftat begehen könnten. Allerdings für maximal 24 Stunden.

Aber Gesetze können geändert werden und die gesammelten Daten können von jeder Art Regierung weiter verwendet werden.
Wenn zum Beispiel die griechische Regierung im Moment Daten über LGBT oder Anarchisten sammeln würde, hätte das im Moment vermutlich keine weitreichenden Konsequenzen. Was aber, wenn die Goldene Morgenröte an der nächsten Regierung beteiligt wäre?

Außer den Gedankenverbrechen lässt mich noch etwas an 1984 denken. In dem Buch beschreibt Orwell wie jeder Bürger des fiktiven Staates Ozeaniens gezwungen ist, sich ständig von sogenannten Teleschirmen überwachen zu lassen. Die Teleschirme funktionieren ähnlich wie Fernseher nur das man auf ihnen nicht nur etwas sieht, sondern auch durch sie beobachtet werden kann. Der Held der Buches, Winston, versteckt sich in einer Zimmerecke vor dem nicht abschaltbaren Teleschirm wenn er in sein Tagebuch schreiben will.

Letzten Samstag stieß ich im Netz auf das „Genie“ Programm des NSA. Unter dem Codename „Genie“ soll die NSA tausende Computer weltweit mit Trojanern infizieren, die es ihnen erlauben Kommunikation mitzuschneiden und Daten von den Computern zu kopieren.
Auf meiner Reise ist mein Laptop mein Zuhause. Jeder Kontakt zu meiner Familie und meinen Freunden läuft über den Laptop, auf ihm speichre ich meine Fotos und tippe meine Notizbücher ab. Das ist, als hätte Winston sein Tagebuch dem Teleschirm vorgelesen.
Durch „Genie“ ist nicht nur möglich zu überwachen, was man im Internet treibt sondern alles, was man auf seinem Computer jemals gespeichert hat.

Mir macht diese Entwicklung genauso viel Angst wie die griechische Krise oder die Goldene Morgenröte. Ich halte die Überwachung für eine reale Gefahr, ich weiß nur nicht, wie ich ihr begegnen soll. Gestern saß ich mit einer Verwaltungswissenschaftsstudentin in Thessaloniki am Hafen. Wir sprachen über die griechische Krise, die Goldene Morgenröte, Arbeitslosigkeit und Flüchtlinge. Schließlich sagte sie: „Hast du schon mal von diesen Überwachungsprogrammen aus Amerika gehört? Ich habe angefangen dazu etwas zu lesen. Es macht mir Angst. Aber es ist anders als die Angst vor der Goldenen Morgenröte. Die Nazis haben ein Gesicht, ich weiß, gegen was ich mich richte. Ich kann Flüchtlinge unterstützten und Naziveranstaltungen verhindern. Aber was kann ich gegen die Überwachung machen? Gar nichts eigentlich. Vielleicht denken wir deshalb nicht gerne darüber nach.“

Wie seht ihr das? Wie ist die Stimmung in Deutschland?
(und ich freue mich natürlich weiterhin, wenn ihr mir einen Hinweis darauf gebt, was ihr als nächstes lesen wollt. Vielen Dank für das Feedback, was ich schon bekommen habe!)

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15 thoughts on “Mein NSA-Skandal Teil 2 – Trampen und Teleschirme

  1. Hallo Lilja,

    wie die Stimmung zur Überwachungsaffäre ist, kannst du u.a. hier ganz gut erkennen: http://www.tagesschau.de/wahl/faktencheck170.html
    Beim Faktencheck zum Kanzlerduell wird in den Kommentaren vor allem auf den NSA-Skandal eingegangen. Die meisten sind verärgert, dass die Kanzlerin das auf die leichte Schulter zu nehmen scheint bzw. wieder einmal keine klare Worte dazu findet, sondern sich herausredet.

    • Liebe Nora,
      Danke für deinen Link!
      Mhm, es ist ja leider so gar nicht überraschend wie Merkel reagiert. Es bestützt mich nur, dass sie wieder damit durchzukommen scheint. Ich habe gestern ein Zitat vom Innenminister Friedrich gelesen und konnte es kaum glauben: “Es werden normale Bürger in diesem Land nicht ausspioniert, weder von unseren Diensten noch von amerikanischen Geheimdiensten.”
      Die NSA leugnet das Ausspionieren ja nicht mal und daher ist das für mich eine glatte Lüge.
      Bin gespannt, ob das irgendeine Auswirkung auf die Wahl haben wird.

      • Hallo Lilja,
        ist keine Lüge sondern klare Rückwärts-Logik: Wenn jemand überwacht wird, ist er eben kein normaler Bürger, basta.
        Ich bin eine Grosstante von dir, ebenfalls mit viel Reisegenen und Politikneugier, und verfolge dein Projekt mit grossem Interesse!
        Weiterhin viele schöne Erlebnisse und alles Liebe,
        Britta

      • Liebe Britta,

        wie schön eine Grosstante von mir auf dem Blog zu entdecken!
        Es freut mich sehr das du mitliest!

        Rückwärts-Logik klingt wie ein Neusprechwort für Lüge… mal sehen wie sich das weiter entwickelt.

        alles Liebe,
        Lilja

  2. Ich finde es interessant, wie du deine persönlichen Erlebnisse in Griechenland mit dem Thema verknüpfst. Ich muss zugeben, dass ich mir noch nie so weit über das Thema Gedanken gemacht habe, und die Konsequenzen der Überwachung noch nie so weit durchdacht habe. Ich habe es eher wie die griechische Frau gesehen, die meinte: Warum soll die NSA sich gerade für mich interessieren?
    Desweiteren finde ich, dass du einen sehr schönen Schreibstil hast und gerade die Personen, die dir auf deiner Reise sind besonders gelungen beschreibst.

  3. Wow man merkt, dass du dich richtig intensiv mit diesem Thema beschäftigt hast. Ich hatte bis jetzt ehrlich gesagt noch nicht die Lust dazu mich derartig intensiv damit auseinanderzusetzen, habe allerdings etwas dagegen, derartig überwacht zu werden und das wird sich dann auch auf meine Wahlentscheidung auswirken.

    OT: Du hast schicke Locken! 🙂

    • danke fürs Kompliment 🙂 & find ich super, dass sich das auf deine Wahlentscheidung auswirkt!
      Haha, ich wünschte das wären meine Locken! Es sind leider die schicken Locken meiner momentanen Mitreisenden Noura. Aber ich gebs Kompliment weiter 😀

  4. Diese Frau ist richtig gut und das Interview in der FR ist mit das beste, was ich zum Thema gelesen habe.
    Deine Reise klingt echt toll. Ich war vor meinem PoWi Studium mal mit dem Interrail unterwegs, Trampen hab ich leider nie probiert. Ich bin total für diese neue entschleunigte Art des Reisens, komme gerade von einem Trip nach Paris zurück nach Berlin und habe auf der Fahrt mit blacar super Leute kennen gelernt. Revival geplant 🙂

  5. Ist eben die Frage, wo man hinwill. Wenn man mal in die Weinberge im Süden will für den Sommer, kann man auch mal einfach Trampen, in meinem Fall (Mega Kreuzfahrt zum Nordkap samt Kids ->klick), muss man alles von langer Hand planen.
    1984 soll übrigens von Orwell mit Blick auf die Sowjetunion geschrieben sein, ironie der Geschichte….

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