Endlich wieder unterwegs!

Angekommen in Lettland. Lettland hat einen besonderen Status für mich auf dieser Reise. Es ist das einzige Land, dessen Sprache ich beherrsche, oder beherrschte, und wo ich schon einmal lebte. 2009/2010, also mit 16 Jahren, habe ich in einem Vorort von Riga für ein Jahr bei einer Gastfamilie gelebt und bin hier zur Schule gegangen (Nachlesen kann man das auf meinem Austauschjahrblog http://liljainlettland.twoday.net/ – Großes solltet ihr allerdings nicht erwarten, behaltet im Hinterkopf das ich 16 Jahre alt war und für Familie und Freunde schrieb.) Es war kein einfaches Jahr für mich und mein Verhältnis zu Lettland ist etwas gespalten. Einerseits liebe ich die Sprache und die Natur sehr, andererseits fiel es mir sehr, sehr schwer in Lettland Freunde zu finden und mich einzuleben. Nach Lettland zurück wollte ich vor allem um das Land noch einmal anders kennenzulernen und um den Vorteil, die Landessprache zu sprechen, für mein Projekt zu nutzen.

Viesgimene2009Mit 16 Jahren im Kreise meiner lettischen Gastfamilie.

Ankommen.

Und wie fühlt es sich nun an hier zu sein? Vertraut? Die ersten Worte lettisch haben mein Herz höher schlagen lassen. Wider Erwarten verstehe ich noch das Meiste und kann des Öfteren sogar antworten. Wie viel ich tatsächlich reden kann versuche grade nicht nur ich herauszufinden, sondern auch die beiden jüngsten Pflegekinder meiner ehemaligen Gastfamilie, die sich große Mühe geben meine verschwurbelten lettischen Sätze zu verstehen.

Gestern war ich mit Liene, einer meiner Gastschwestern, bei einem Volkstanzabend um dort einen Journalisten zu treffen, der über Lettland und den Euro schreibt. Am Eingang der Halle in der Technischen Universität war ein kleiner Tisch aufgebaut, hinter dem ein Student saß und 1,50 Lats (etwa 2€) Eintritt verlangte. Liene zog ihr Portemonnaie und zahlte für uns beide, obwohl ich doch eigentlich sie einladen wollte. „Das ist schon okay, meine Mutter meinte, sie wolle den Eintritt für uns zahlen.“, sagte sie. Ich war überrascht, vor vier Jahren hätte meine Gastfamilie mich nicht so einfach einladen können.  2008 wurde Lettland hart von der Weltwirtschaftskrise getroffen. „Krīze“, das „i“ umso länger, desto schlechter es der erzählenden Person geht, war definitiv eines meiner häufigst gehörten lettischen Wörter. Auf dem Papier zumindest ist die Krīze beendet. In den ersten drei Quartalen 2012 machte Lettland mit der am schnellsten wachsenden Wirtschaft in der EU von sich hören. Nur, spüren die Menschen davon auch was?

 Krīzen und Zusammenhalt

Immer wieder wird Lettland als das Lieblingskind der EU Griechenland und Spanien vorgehalten: Guckt, die dürften sogar ihr Währung abwerten und haben es nicht getan. Austerität à la Merkel scheint in Lettland zu funktionieren.

Wenn ich durch Riga laufe, bin ich versucht den Zahlen zu glauben. Es kommt mir so vor, als wären mehr von den alten Häusern renoviert. Und die Dichte an kleinen Läden mit teurem Schnickschnack, Restaurants und Starbucksimitaten kann durchaus mit Prenzlauer Berg in Berlin mithalten. Aber auch in meiner Erinnerung ist Rigas Altstadt kein Ort der Krīze. Wenn ich wissen will, wie es den Menschen in Lettland heute geht und ob sich für sie etwas änderte als aus den roten Zahlen schwarze wurden, muss ich aufs Land fahren. Das ist mein Plan für diesen Monat.

Im Moment gibt es in Lettland eine andere Krise, eine Tragödie. Ein großer Supermarkt namens Maxima ist eingestürzt und hat 54 Menschen unter sich begraben. Angesichts der Katastrophe zeigt sich wieder die Stärke Lettlands: In dem kleinen Land wird zusammengehalten.

In den ersten Tagen standen die Menschen vor den Krankenhäusern Schlange um Blut zu spenden, so lange bis die Krankenhäuser Pressemitteilungen rausgaben: Es könnte nicht mehr Blut gespeichert werden. In allen größeren lettischen Städten bringen die Menschen Kerzen und Blumen zu den Maxima Supermärkte, oft bleiben sie noch eine Weile stehen und halten einander weinend an den Händen fest. Die dutzend Hunde und Katzen, die durch die Tragödie zu Waisen geworden sind haben nach einem Aufruf im Fernsehen sofort ein neues Zuhause gefunden. Medizinstudenten betreuen die Verletzten in ihrer Freizeit zuhause, Psychologen arbeiten ohne Bezahlung für alle Traumatisierten und jeder, der eine Lettlandflage zuhause hat, und das sind viele, habe sie auf Halbmast gesetzt. An den größeren Fahnen flattern schwarze Bändern im Novemberregen.

Ist es, weil das Land so klein ist? Weil im Grunde jede jeden kennt? Oder hat es mit der Geschichte zu tun, haben die vielen Okkupationen die Menschen im Bewusstsein hinterlassen einander zu brauchen? Oder ist es dieser, für mich manchmal schwer zu ertragene, ausgeprägte Patriotismus der Letten?

 Eiro būs / Der Euro kommt.

Noch etwas hat sich im Stadtbild verändert: Alle Preise stehen nun einmal in Lats, und einmal in Euro da. Ab Januar 2014 wird in Lettland mit dem Euro bezahlt werden. Ich erinnere mich an einen Klassenausflug mit meiner lettischen Klasse in die Nationalbank, wir liefen durch eine Ausstellung namens „Lettland und der Euro“. Es wurde heftig dafür geworben den Euro so bald wie möglich einzuführen. Wenn ich mich richtig erinnere gab es einen Vortrag über die Vorzüge der Gemeinschaftswährung und nach ihrer Meinung gefragt nickten alle in der Klasse müde jemanden zu der pflichtschuldig sagte, der Euro sei sicher das beste für Lettland. Ich erinnere mich, dass ich die Euroeinführung damals für utopisch hielt. Zu tief war Lettland in der Krīze und zu unlösbar schien diese Krīze. Das interessanteste an der Euroausstellung war der Besuch im Überwachungsraum der Nationalbank. Auf einer Wand voller Fernseher konnte man fast jede Straße in der Nähe beobachten. Immer mal wieder popelten Menschen unter der Kamera in der Nase oder knutschten rum weil sie sich unbeobachtet fühlten. Noch heute finde ich diese krasse Überwachung des öffentlichen Raumes eindrucksvoller als die Euroausstellung. Aber gut, dass ist ja hier nicht das Thema. Wie hat sich also der Blick auf den Euro verändert, jetzt wo er vor der Tür steht? Meine Gastfamilie hat eine Nachbarin die erbittert gegen den Euro kämpft, ich will versuchen, mit ihr zu reden. Und was sagen meine ehemaligen Klassenkameraden dazu? Berührt es sie inzwischen mehr?

Meine Gastschwester Liene hat mir von einer Radiosendung erzählt „Eiropa un Latvija – Latvija un Eiropa“. Dort konnte man Fragen zum Euro stellen oder einfach mal seine Meinung sagen. Eine alte Dame vom Lande rief an und empörte sich beim Moderator, dass die Letten beschissen werden würden: Warum würde man denn bitte nicht einen Lat für einen Euro tauschen können? Da müsse doch etwas faul sein!

Das Klischee ist: Die Landbevölkerung ist so arm, dass Geld für sie eh nicht wichtig ist. Das meiste auf dem Land wird getauscht. Außerdem, so heißt es, sein die Menschen, je östlicher desto mehr, völlig ungebildet. Auf dem Land werde ich mich also nicht nur nach krisenlosen Zeiten umsehen, sondern auch nach dem Euro.

Winter_landscape_in_Latvia,_2012Ich freue mich unbändig auf die lettische Winterlandschaft! Da ich noch keine Gelegenheit hatte Fotos zu machen, habe ich Laima Gūtmanes Bild genutzt.

Zukunftsträumerein

Ich habe das Gefühl, dass Lettland mein letztes Land sein wird. In fast jedem Land habe ich meinen Aufenthalt etwas verlängert, habe gelernt, dass Geschichten nicht immer so eintrudeln wie im Kalender geplant. Und #Occupygezi hat dann vollends meinen Zeitplan gesprengt. Als jetzt auch noch die Weisheitszähne raus mussten war im Grunde klar, dass ich in einen Zeit- und Geldkonflikt kommen werde. Bisher bin ich mit viel weniger Geld ausgekommen als ich gedacht hätte. Obwohl ich zwei für mich sehr wichtige Stipendien nicht bekommen habe, reicht mein Crowdfundinggeld noch aus. Für Lettland werde ich außerdem noch von der Deutsch-Baltischen Gesellschaft und dem Girgensohnschen Familienverein unterstützt. Vielen Dank dafür!

Aber für Norwegen reicht das vermutlich nicht mehr aus. Was schade ist, ich hatte mich sehr auf mein letztes Land gefreut. Andererseits: Dieses Projekt, was mich sieben Monate begleiten sollte, läuft nun schon fast 10 Monate. Ich habe so viel mehr Antworten gefunden als ich je gehofft hätte. Meine Europavision ist sehr viel klarer geworden (ganz zu schweigen von den vielen unglaublich guten Erfahrung beim Reisen!). In Berlin habe ich angefangen mein ganzes Material zusammen zu tragen und daraus Eins zu machen. Ein Buch. Ob das dann verlegt wird, ja, das steht in den Sternen. Zumindest aber möchte ich allen, die mich auf dieser Reise begleitet und unterstützt haben ein Ergebnis in die Hand drücken können.

Ich habe das Gefühl, dass das „Frollein Europa“ Projekt auch ohne Norwegen komplett ist, ihr auch?

Nun freue ich mich aber erst einmal auf einen Monat in Lettland, einen Monat mit euch und euren Fragen. Eine habe ich schon. Mein Unterstützer Thomas Güssow bat mich am Anfang meiner Reise, in Lettland Menschen diese Frage zu stellen:

Wenn deine individuellen Lebensbedingungen einmal – sei es auch nur in einem kleinen Teilbereich – subjektiv unerträglich sein sollten: Was würdest du tun? Wie, von wem oder welcher „Institution“ (im weitesten Sinne) würdest du dir am ehesten einen tatsächlichen Einfluss auf die misslichen Bedingungen – eine Änderung – erhoffen? Und hältst du es für möglich, innerhalb deiner Lebensspanne gewaltfrei tatsächliche Änderungen an diesen unerträglichen Lebensbedingungen herbeizuführen – auch wenn es sich objektiv betrachtet nur marginale Änderungen handeln sollte?“

Ich werde mein Bestes geben sie ins lettische zu übersetzen und jemanden zu finden, der sie mir beantwortet.

Habt ihr noch andere Fragen?

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8 thoughts on “Endlich wieder unterwegs!

  1. Es ist so interessant, hier zu lesen, danke!
    Wie der Euro dort so aufgenommen wird, finde ich extrem interessant. Für viele ist das vielleicht auch die alltäglichste Begegnung mit der EU (im Alltag) und irgendwie halte ich das für sehr symbolisch. (?)

    Auch Berichte von der Landbevölkerung fände ich interessant. Ich finde es nämlich schade, dass sich in Reiseberichten, die ich so lese, häufig sehr auf die Städte konzentriert wird.

    • Liebe Kokon aus Luft (oder lieber Kokon aus Luft? 🙂 ),

      vielen Dank für Dein Kommentar!
      Freut mich sehr, dass du auf die Lettlandberichte gespannt bist. Das gibt einen riesigen Motivationsschub!
      Finds auch schade das so viele Reiseberichte auf Städte konzentriert sind, aber ich glaube, dass das einfach immer das erste Anlaufziel ist… Ich werd diesmal versuchen das zu ändern 🙂

      nen lieben gruß,
      frollein europa

  2. Ach Lilja, du schreibst so schön, da kommen mir die Tränen. Norwegen soll nicht am Geld scheitern, du hast meine Telefonnummer…Bine

    • Liebe Biene,

      tausend Dank für dein Kommentar! Ich hab mich so gefreut!
      Dein Angebot ist superlieb, ich werd es sicher im Hinterkopf haben, wir können ja nochmal darüber reden, wenn ich Lettland beendet habe 🙂

      alles, alles Liebe,
      Lilja

  3. Ich bin immer fasziniert, wie mutig manche Leute sind und einfach so reisen. Dann auch nicht für zwei Wochen sondern Jahre oder Monate lang. Und dann warst du da schonmal mit 16.
    Ich bin dafür leider viel zu ängstlich 😀
    Aber dann muss ich halt schöne oder eben ehrliche Berichte lesen, wie deine (:
    Ich hoffe du siehst noch schöne Orte!

    • Vielen Dank für dein Kommentar 🙂

      Glaub mir, so viel Mut braucht man dafür gar nicht 😀
      Freut mich natürlich sehr, dass dir meine Berichte gefallen, vielleicht inspirieren sie dich ja es doch noch zu wagen 🙂

      lieben gruß,
      frollein europa

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