Welcher Institution würdest du in einer Krisensituation vertrauen?

Wenn deine individuellen Lebensbedingungen einmal – sei es auch nur in einem kleinen Teilbereich – subjektiv unerträglich sein sollten: Was würdest du tun? Wie, von wem oder welcher „Institution“ (im weitesten Sinne) würdest du dir am ehesten einen tatsächlichen Einfluss auf die misslichen Bedingungen – eine Änderung – erhoffen?“

Beate überlegt und blättert gedankenverloren durch den Stapel bunter Papiere, die vor ihr auf dem Tisch liegen. Die Blätter sind selbst gestaltete, laminierte Seiten, auf denen sich die Frauen des Frauenclubs, den Beate leitet, selbst vorstellen. Auf fast jeder Seite sind bunte Fotos, einige Frauen haben Collagen aus den Bildern ihrer Familie gemacht.

Die Frauen in meinem Frauenclub sind ein Querschnitt durch die Gesellschaft, einige sind alt, andere sind jung. Ein paar sind Hausfrau, andere arbeiten, viele haben Kinder, einige sind alleinerziehend, ein paar Frauen geht es wirtschaftlich gut und andere müssen jeden Cent zweimal umdrehen.“ Ich treffe Beate, um von ihr zu hören, wie es Frauen in Lettland geht. Und um endlich mal jemanden die oben genannte Frage meines Leser Thomas Güssow zu stellen.
“Aber ich kann nur für mich sprechen, für mich und für die Frauen, die ich kenne“, stellte Beate gleich zu Anfang klar.

Scan-140125-0001Jubiläumsbroschüre des Frauenclubs

Und bevor sie die Frage beantwortet erzählt sie mir noch von den Frauen auf den bunten, laminierten Seiten und was sie miteinander verbindet. Ihren Frauenclub gäbe es schon ewig, er sei eine Art Tradition der Frauen in dem kleinen Ort an der Grenze Rigas durch den jede Reisende auf dem Weg nach Litauen muss, sich regelmäßig zu treffen und gemeinsame Aktivitäten zu organisieren. Ein offizieller Club, eine NGO, wurde aber erst 2001 gegründet. Seitdem treffen sich die im Moment 18 Frauen einmal im Monat. Wenn sie sich treffen reden sie über ihre Leben, über das, was um sie herum passiert, organisieren Projekte und wohltätige Arbeit, laden Referenten ein und diskutieren über gesellschaftliche Themen. Oft treffen sich sich weitaus mehr als das eine Mal im Monat, gehen zusammen ins Theater oder lernen gemeinsam Englisch oder besuchen Business-Kurse. Im Moment stehen alle ihre Treffen unter dem Thema „lettische Traditionen“: Beim letzten Treffen haben sie sich der lettischen Küche gewidmet und bei dem Treffen, das Beate grade vorbereitet, soll es um „Pirts“, die traditionelle lettische Sauna, gehen. Die Frauen haben einen Referenten eingeladen und einen Workshop vorbereitet, zum Basteln der Birkenruten, die man braucht um sich damit gegenseitig auf die nackte Haut zu schlagen.

“Wir versuchen uns gegenseitig an die Lebensfreude zu erinnern, wenn es mal schwierig wird“, sagt Beate. Schwierigkeiten sind meistens Krisen im persönlichen Leben. Beate hat die Erfahrung gemacht, dass Krisen wie Beziehungsprobleme letztendlich schwerer wiegen als ökonomische Notsituationen. Aber in beiden Fällen sind die Frauen füreinander da.

Im letzten Jahr haben sie einer alleinerziehenden Frau geholfen, die ihr 8. Kind erwartete und in deren Haus so baufällig war, dass die Kinder im Winter froren und regelmäßig krank wurden. Die Frauen des Clubs haben Baumaterialien besorgt und das Haus fit für die nächsten Winter gemacht. 

Iecavas women clubEs fällt Beate schwer zu beantworten, ob die Wirtschaftskrise von 2009/10 für sie und ihre Frauen beendet ist. Eine ihrer Frauen ist Direktorin der örtlichen Grundschule und ihr Mann ist ein Landwirt, diese Frau hat ihre grade eine SMS geschickt, sie und ihre Familie sitzen im Flugzeug und freuen sich auf Urlaub in Südafrika. Das wäre vor ein paar Jahren noch nicht drin gewesen. Andererseits betreibt eine von Beates Frauen einen kleinen Tante-Emma-Laden im Ort und ihr geht es wirtschaftlich nicht besser als vor ein paar Jahren. „Dort merkst du immer zuerst, ob die Menschen ein bisschen Geld übrig haben oder nicht. Du merkst es daran, ob sie sich nach dem Großeinkauf in Riga abends noch eine Schokolade oder ein Bier holen – oder halt nicht“, sagt Beate. Und in letzter Zeit haben die Menschen sich keine Extras mehr gegönnt, die Frau musste ihre Mitarbeiter entlassen und kann dieses Jahr nicht in den Urlaub fahren.

Und auf wen würden sie und ihre Frauen sich nun verlassen, wenn ihre individuelle Situation unerträglich werden würde?

Auf uns“, sagt Beate schließlich fest. „Man sollte sich immer zuerst an seine Freunde wenden, an seine Familie. Nicht nach einem Staat rufen! Und man sollte versuchen, die Situation selber zu lösen. Kreativ werden! Nach Möglichkeiten suchen! Aber ja, wenn nichts mehr geht, dann würde ich mich wahrscheinlich an meine Stadtverwaltung wenden. Und dann halt irgendwann an die Regierung. An die EU? Nein, an die EU würde ich mich nicht wenden. Die sind ja viel zu weit weg. Aber natürlich, es kann gut sein, dass meine Regierung ihr Geld, um mir zu helfen, von der EU bekommen würde. Das wäre letztendlich völlig egal. Aber wie gesagt, man sollte immer vorher alles Menschenmögliche selber tun!“

SAM_0750Beate während des Interviews

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