Großmütterchen Chor

Eine Lettin, die vor 1934 geboren ist, also mindestens 80 Jahre alt ist, kann in ihrem Leben niemals umgezogen sein und doch in sechs verschiedenen Staaten gelebt haben.

Sagen wir, sie wurde am 23. Juni 1933 in Riga geboren und wie fast alle Mädchen, die an dem Namenstag der Līga geboren wurden, tauften auch ihre Eltern sie auf den Namen Līga. Ihre ersten Atemzüge tat Līga in einem unabhängigen Lettland mit parlamentarischer Demokratie und modernem Minderheitenschutz. Sie wird in ihrem ersten Lebensjahr wohl nichts davon mitbekommen haben, wie sich diese Demokratie 1934 nach einem Staatsstreich, ganz der damaligen europäischen Mode folgend, in eine nationalistische Diktatur verwandelte.
Mit sechs Jahren hörte Līga vielleicht die Erwachsenen über die Unterzeichnung des Ribbentrop-Molotow-Paktes reden. Der Pakt teilte Europa zwischen den Sowjets und den Nazis auf. Lettland fiel den Sowjets zu. Dieser geheime Pakt war die Grundlage dafür, dass die inzwischen siebenjährige Līga ab 1940, nach dem Einmarsch der sowjetischen Armee, nicht mehr in Lettland, sondern in der Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik lebte. Continue reading

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Endlich wieder unterwegs!

Angekommen in Lettland. Lettland hat einen besonderen Status für mich auf dieser Reise. Es ist das einzige Land, dessen Sprache ich beherrsche, oder beherrschte, und wo ich schon einmal lebte. 2009/2010, also mit 16 Jahren, habe ich in einem Vorort von Riga für ein Jahr bei einer Gastfamilie gelebt und bin hier zur Schule gegangen (Nachlesen kann man das auf meinem Austauschjahrblog http://liljainlettland.twoday.net/ – Großes solltet ihr allerdings nicht erwarten, behaltet im Hinterkopf das ich 16 Jahre alt war und für Familie und Freunde schrieb.) Es war kein einfaches Jahr für mich und mein Verhältnis zu Lettland ist etwas gespalten. Einerseits liebe ich die Sprache und die Natur sehr, andererseits fiel es mir sehr, sehr schwer in Lettland Freunde zu finden und mich einzuleben. Nach Lettland zurück wollte ich vor allem um das Land noch einmal anders kennenzulernen und um den Vorteil, die Landessprache zu sprechen, für mein Projekt zu nutzen.

Viesgimene2009Mit 16 Jahren im Kreise meiner lettischen Gastfamilie.

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Vergiss das Föhngelaber – sieben echte Tipps für reisende Frauen

Ich bin wieder in Berlin. Laufe durch die eigene Wohnung, weiß, wo ich nach Gemüseschälern suchen muss und welche Messer nicht in die Geschirrspülmaschine kommen. Den Großteil meiner Zeit verbringe ich aber weder in der vertrauten Küche noch auf den Straßen sondern in Wartezimmern. In Berlin bin ich nämlich wegen meiner Weisheitszähne. Alle vier haben sich entschieden gleichzeitig zu wachsen und müssen gezogen werden.

Es ist schön Freunde und Familie zu sehen und doch packe ich meinen Rucksack nicht aus und streichle ihn vorm Schlafen gehen – ich möchte noch nicht fertig sein mit dieser Reise. Beim einloggen hat WordPress mir heute ein glückliches Jubiläum gewünscht, vor genau einem Jahr habe ich www.frolleineuropa.de angelegt. Continue reading

Little House On The Prairie

As the ferry docked at the port of Piraeus, I awoke from a short night of sleep on the carpeted floor of the ferry and looked around; the days had merged. Had it been dark between departure and arrival at all? I shouldered my backpack, rubbed the sleep from my eyes and tried to get my bearings. Two phone numbers and “Korinthos”, the name of a railway station, were written on the little piece of paper that I held in my hand. After almost eight month of traveling, I’m an expert in asking for directions and finding trains. Even through the blistering midday heat, I succeeded in transferring to another train in an abandoned station. I arrived in Korinthos a little early and I found myself alone on the platform. A man appeared and asked me if I needed help. I declined and tried to explain him that I would be picked up immediately. He didn’t leave my side until I told him that it was my boyfriend who was on his way to pick me up. He disappeared from my view and I thought to myself that if he was still in the station, he must have been terribly confused when my ride became visible moments later. The man who emerged from a battered blue compact car and greeted me was about fifty years old. The hand he extended out to me as a welcome was cracked and dusty and he was wearing a baggy shirt with some holes in it and his pants were caked with earth. The man smiled warmly and introduced himself as Konstantin.

SAM_0402The Korinthos canal, just a few minutes driving by bike from the farm

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Das schlimmste auf dem Bauernhof ist nicht die Hühnerscheiße.

Wenn die Nächte kurz sind, ein paar Stunden Schlaf auf dem Teppichboden einer Fähre, verschmelzen die Tage. War es zwischen Abfahrt und Ankunft überhaupt dunkel? Im Hafen von Piräus schultere ich meinen Rucksack, reibe mir den Schlaf aus dem Augen und versuche mich zu orientieren. Auf einem kleinen Zettel in meiner Hand stehen zwei Handynummern und der Name eines Bahnhofes: Korinthos. Nahe Korinthos befindet sich der Bio-Bauernhof, den ich über das WWOOFER Netzwerk gefunden habe, auf dem ich die nächsten zwei Wochen arbeiten will. Nach fast acht Monaten Reise habe ich Erfahrung im Menschen fragen und Züge finden. Sogar das Umsteigen an einem Geisterbahnhof in der flimmernden Mittagshitze gelingt mir und so komme ich schließlich früher als erwartet in Korinthos an.

Außer mir wartet niemand auf dem Bahnhof. Ein Mann fragt mich, ob er mir helfen könne. Müde winke ich ab und versuche zu erklären, dass ich gleich abgeholt werden sollte. Er geht nicht bis ich ihm sage, es wäre mein Freund, der mich gleich abholen würde. Falls der Mann noch ein paar Momente länger am Bahnhof gewartet haben sollte, muss sich ihm ein merkwürdiges Bild geboten haben.
Denn der Mann, der wenig später aus einem verbeulten blauen Kleinwagen aussteigt und mich begrüßt, ist um die fünfzig Jahre alt. Die Hände, die er mir zur Begrüßung reicht, sind rissig und staubig. Er trägt ein ausgebeultes Hemd mit einigen Löchern und an seiner Hose klebt Erde. Seine zweckmäßige Arbeitskleidung erinnert mich an meine Familie in Breb. Ein wenig später wird Alexandra, seine Frau, mir eine Tomate an ihrem T-shirt polieren. Sowie Christis Mutter in Breb schnell noch einmal mit dem Ärmel über die Teller fuhr, wenn sie ihr nicht sauber genug erschienen.
Der Mann stellt sich als Konstantin vor und lächelt mich herzlich an.

SAM_0402Der Korinthos-Kanal. Mit dem Fahrrad nur weniger Minuten von dem Hof entfernt. Continue reading

Thessaloniki Street Art

a few words in English about the pictures

Ich freue mich sehr, dass Nora sich unter dem letzten Post Graffitibilder gewünscht hat. Zum einen gab mir das die Gelegenheit rauszufinden wie die WordPressslideshow funktioniert, und zum anderen ist das der vielleicht leichteste Post seit… immer!

Die Bilder sind bis auf wenige Ausnahmen an einem Sonntagnachmittag in Thessaloniki entstanden. Normalerweise ist die Stadt keine Geisterstadt sondern voller nicht-geschlossener Läden (also sind die tags und graffitis auf den Rolläden oft gar nicht zu sehen) und Studenten.

Die Berlinerin Julia Tulke hat ihre Masterarbeit über Street Art in Athen geschrieben. Im Interview mit der Süddeutschen erzählt sie einiges über Counterpropaganda und die Rolle, die Street Art in der Krise spielt. Das Interview mit Julia Tulke könnt ihr hier lesen.

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Mein NSA-Skandal Teil 2 – Trampen und Teleschirme

Das ist der zweite Teil eines Posts, dessen ersten Teil ihr hier findet.

Geplant war es, am Morgen früh in Porto Heli aufzubrechen. Was natürlich nicht funktionierte. Die Jungs, die uns bis zur Autobahnauffahrt fahren wollten, schliefen fest. Und so probierten wir uns in der beginnenden Mittagshitze am innerörtlichen Trampen. Zu Recht sagt jeder Hitch-Hiking Ratgeber, es sei so gut wie aussichtslos innerhalb einer Ortschaft mitgenommen zu werden. Wir standen etwa eine Stunde an der Straße, hielten unser Schild in die Höhe, lächelten nett und versuchten uns in Zeichensprache mit den örtlichen Roma-Kindern zu unterhalten, die uns offensichtlich für verrückt hielten. Immer wieder hielten Autos kurz an. Sie wiesen uns dann entweder darauf hin, dass es auch einen Bus gäbe, den wir nehmen könnten, oder darauf, dass die Kinder um uns herum berüchtigte Taschendiebe sein. Es ist übrigens eine der traurigsten Schlussfolgerungen meiner Reise bisher: Antiziganismus ist ein sehr verbindendes Element in Europa. Egal ob in Belgien, Frankreich, Rumänien, der Türkei oder in Griechenland: Immer werde ich vor „den Zigeunern“ gewarnt.

SAM_0446Noura beim Schild malen

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