Welcher Institution würdest du in einer Krisensituation vertrauen?

Wenn deine individuellen Lebensbedingungen einmal – sei es auch nur in einem kleinen Teilbereich – subjektiv unerträglich sein sollten: Was würdest du tun? Wie, von wem oder welcher „Institution“ (im weitesten Sinne) würdest du dir am ehesten einen tatsächlichen Einfluss auf die misslichen Bedingungen – eine Änderung – erhoffen?“

Beate überlegt und blättert gedankenverloren durch den Stapel bunter Papiere, die vor ihr auf dem Tisch liegen. Die Blätter sind selbst gestaltete, laminierte Seiten, auf denen sich die Frauen des Frauenclubs, den Beate leitet, selbst vorstellen. Auf fast jeder Seite sind bunte Fotos, einige Frauen haben Collagen aus den Bildern ihrer Familie gemacht.

Die Frauen in meinem Frauenclub sind ein Querschnitt durch die Gesellschaft, einige sind alt, andere sind jung. Ein paar sind Hausfrau, andere arbeiten, viele haben Kinder, einige sind alleinerziehend, ein paar Frauen geht es wirtschaftlich gut und andere müssen jeden Cent zweimal umdrehen.“ Ich treffe Beate, um von ihr zu hören, wie es Frauen in Lettland geht. Und um endlich mal jemanden die oben genannte Frage meines Leser Thomas Güssow zu stellen.
“Aber ich kann nur für mich sprechen, für mich und für die Frauen, die ich kenne“, stellte Beate gleich zu Anfang klar.

Scan-140125-0001Jubiläumsbroschüre des Frauenclubs Continue reading

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Großmütterchen Chor

Eine Lettin, die vor 1934 geboren ist, also mindestens 80 Jahre alt ist, kann in ihrem Leben niemals umgezogen sein und doch in sechs verschiedenen Staaten gelebt haben.

Sagen wir, sie wurde am 23. Juni 1933 in Riga geboren und wie fast alle Mädchen, die an dem Namenstag der Līga geboren wurden, tauften auch ihre Eltern sie auf den Namen Līga. Ihre ersten Atemzüge tat Līga in einem unabhängigen Lettland mit parlamentarischer Demokratie und modernem Minderheitenschutz. Sie wird in ihrem ersten Lebensjahr wohl nichts davon mitbekommen haben, wie sich diese Demokratie 1934 nach einem Staatsstreich, ganz der damaligen europäischen Mode folgend, in eine nationalistische Diktatur verwandelte.
Mit sechs Jahren hörte Līga vielleicht die Erwachsenen über die Unterzeichnung des Ribbentrop-Molotow-Paktes reden. Der Pakt teilte Europa zwischen den Sowjets und den Nazis auf. Lettland fiel den Sowjets zu. Dieser geheime Pakt war die Grundlage dafür, dass die inzwischen siebenjährige Līga ab 1940, nach dem Einmarsch der sowjetischen Armee, nicht mehr in Lettland, sondern in der Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik lebte. Continue reading