Das Projekt

Was genau ich vorhabe, wo ich sein werde, was ich dort will und worüber ich schreibe steht hier.

Deutschland, Frankreich, Griechenland und Rumänien, jeder Nationalstaat ist eine Fiktion, gebaut auf Millionen von Geschichten, die seine Identität formen. Europa aber fehlen die Geschichten. Statt Geschichten sind die Medien voll mit Fetzen der Krisen: Rettungsschirm, Spardiktat, Troika und Eurorettung.

Eine fast vergessene europäische Geschichte ist, dass die Europäische Union nicht geschaffen wurde, um Banken zu retten, sondern um Kriege zwischen den europäischen Staaten zu verhindern. Der Wunsch nach Frieden war der erste Motor der europäischen Integration. Heute hat vermutlich niemand mehr Angst vor einem Krieg zwischen zwei EU-Mitgliedsstaaten. Doch wenn Europäer keine Angst vor Krieg mehr haben, wovon träumen sie dann, wenn sie an Europa denken?

Um das herauszufinden möchte ich durch sieben europäische Länder reisen. Ich will junge Europäer meiner Generation treffen, denn wenn Europa eine Zukunft hat, liegt sie bei den jungen Menschen. Außerdem kommen die Alten oft genug zu Wort wenn es um Bankenrettungen und Einsparungen geht. Vom Januar 2013 bis zum Sommer 2013 werde ich durch Belgien, Frankreich, Rumänien, Griechenland, die Türkei, Lettland und Norwegen reisen um junge Menschen und ihre Geschichten zu porträtieren. Ich möchte wissen, was sie von Europa erwarten, wie sie Europas Zukunft sehen und was Europa mit ihrem Leben zu tun hat.

Obwohl mein roter Faden die Menschen Europas sind, habe ich für jedes Land spezielles Thema, das es mir erleichtern soll, europäische Geschichten zu finden.

Natürlich möchte ich in Belgien nach Brüssel. Ich will das politische Herz Europas sehen und mit Menschen reden, die für die EU arbeiten. Ich möchte sie nach ihrem europäischen Traum fragen und hoffe ihre Antworten am Ende mit denen anderer junger Europäer vergleichen zu können.

Mein zweites Land ist Frankreich. Seit Jahren sind rechtspopulistische Parteien in Europa auf dem Vormarsch. In Frankreich zeigt sich das an dem Rekordergebnis von 17,9% der Stimmen für Marine Le Pens Front National bei den Präsidentschaftswahlen 2012. Mir macht diese Entwicklung Angst. Besonders, dass Marine Le Pen angeblich viele junge Wähler von sich überzeugen konnte, kann ich kaum fassen. Was heißt das für Europa? In Frankreich möchte ich versuchen, jemanden zu finden, der Marine Le Pen wählt. Wie sieht ihre oder seine Vision für Europa aus?
Außerdem hat Frankreich die größte muslimische Gemeinde in der EU. Ich möchte wissen, ob der steigende Einfluss von Rechtspopulisten das Leben junger Muslime beeinflusst und wie sie über Europa denken.

Von Frankreich geht es nach Rumänien. Obwohl vor zwei Jahren eine rumänische Gastschülerin mit mir und meiner Familie lebte, ist Rumänien ein ziemlich unbekanntes Land für mich. Unsere Gastschülerin erzählte viel von der rumänischen Natur, wie vielfältig sie ist und was man alles tut, um sie zu schützen. Das überraschte mich. Osteuropa hatte ich bisher nicht so sehr auf Naturschutz bedacht erlebt. In Rumänien würde ich also gerne junge Menschen finden, die sich um die Naturschutzgebiete kümmern. Gäbe es diese Naturschutzgebiete auch ohne die Hilfen der EU? Ist Umweltschutz vielleicht ein Thema, welches für Nationalstaaten zu groß ist, ähnlich den ewigen Kriegen des 20. Jahrhunderts?

Außerdem kann man wohl keine Reportage über das krisengeschüttelte Europa schreiben, ohne sich mit der rumänischen Staatskrise auseinander zu setzen. Obwohl es EU Sanktionen gab, ist die Krise nicht gelöst. Die EU scheint machtlos angesichts Korruption, Vetternwirtschaft, Plagiatsskandalen und Machtkämpfen in einem Mitgliedsstaat zu sein. In Rumänien möchte ich etwas über die Grenzen europäischer Macht herausfinden. Wünschen sich die Menschen mehr oder weniger Einmischung? Und wie sollten diese Einmischungen aussehen?

Als nächstes geht es nach Griechenland. In Griechenland möchte ich mich auf die Wirtschaft konzentrieren. Viele Menschen sagen, der Euro war von Anfang an zum Scheitern verurteilt, weil die Unterschiede zwischen den Mitgliedsstaaten zu groß waren und man es versäumt hatte, dem Euro eine politische Dimension zu geben. Was also muss passieren, damit die Gemeinschaftswährung funktioniert? In Griechenland sind 50% aller jungen Menschen arbeitslos, ist es unter solchen Zuständen überhaupt wichtig, welche Währung man hat? Was haben Jugendliche für Perspektiven in so einer Gesellschaft? Ich habe gehört, dass viele junge Griechen aufs Land ziehen und dort versuchen ohne Geld zu leben oder eine lokale Währung erfinden. Wie funktioniert das? Wenn es zur Eurorettung kommt, sagen Politiker gerne, dass der Euro alternativlos wäre, stimmt das? Hoffentlich kann ich einige Antworten auf diese Fragen in Griechenland finden.

Mein fünftes Land ist die Türkei. Vielleicht hätte ich die Türkei nicht ausgewählt, hätte ich nicht so viele türkische Jugendliche in meinem Politikleistungskurs gehabt, die jedes Türkei bezogene Thema leidenschaftlich diskutierten. Eine der brennendsten Fragen war, ob die Türkei ein EU-Mitgliedstaat werden solle. Ich war in Istanbul und alles dort schien mir sehr europäisch.. Aber was ist mit dem Rest der Türkei? Woran sollte festgemacht werden, ob ein Land Mitglied der EU sein kann? Und will die türkische Jugend trotz der aktuellen Krisen überhaupt ein Teil der EU werden?

Danach werde ich nach Lettland reisen. 2009 verbrachte ich ein Jahr als Austauschschülerin in Lettland. Ich spreche lettisch und kenne das Land ziemlich gut. Als ich in Lettland war, steckte das Land in einer schweren Krise. Ich war geschockt, als ich die Statistiken sah. Aber obwohl ich das Wort „Krise“ beinah täglich hörte, war die Krise nicht so offensichtlich wie es die Statistiken vermuten ließen. Ich habe gelernt, dass es auch in Krisen einen Alltag gibt. Heute, so sagen die Zeitungen, ist die Krise vorbei. Ist das Leben jetzt anders geworden? Gibt es einen Moment, an dem man weiß, jetzt ist die Krise vorbei? Und ist sie denn wirklich für die Menschen vorbei oder nur für die großen Firmen? Vielleicht kann die lettische Jugend dem Rest von Europa erzählen, wie man mit einer Krise umgeht.

Mein letztes Land wird Norwegen sein. Die „pragmatische Generation“ wird meine Generation in zahlreichen deutschen Studien genannt. Angst vor der Zukunft sollen wir haben und unsere größten Wünsche seien finanzielle Sicherheit, ein Haus und ein Hund. Nach dem schrecklichen Attentat auf Utoya 2011 sprach der norwegische Premierminister in einer Rede davon, dass eine Gesellschaft durch so etwas nur noch offener, toleranter und freier werden müsse. Das erstaunte mich sehr. Wenn etwas Vergleichbares irgendwo auf der Welt passiert, hört man normalerweise den Ruf nach mehr Sicherheit und Überwachung. Vielleicht finde ich ja in Norwegen eine Jugend mit weniger Angst vor der Zukunft und mehr Träumen.
Europafreundlich sollen die Norwegen außerdem sein. Trotzdem stimmten sie 1994 in einer Volksabstimmung gegen den EU-Beitritt. Ich möchte wissen warum und wie sich die Norweger eine Zukunft in Europa ohne die EU vorstellen. Vielleicht haben die Norweger einige neue Ideen für ein Europa jenseits der EU.

Um es einfacher zu machen, Menschen in jedem Land zu finden, habe ich ein paar Kontakte in fast jedem Land. Vor allem aber will ich per Couchsurfing reisen und so junge Menschen kennenlernen. Jede Übernachtung könnte der Beginn einer europäischen Geschichte sein.

Meine Erlebnisse und Beobachtungen möchte ich in einem Blog teilen. Ich denke, der Blog ist für jeden interessant, der sich für Europa und europäische Politik interessiert. Außerdem hoffe ich Menschen anzusprechen, die sich für eines der bereisten Länder oder eines meiner Themen interessieren. Ich hoffe auf mit meiner Reise neue Perspektiven zu schaffen und ein Interesse für europäische Geschichten und Menschen zu wecken. Ich würde mir wünschen, meine Erfahrungen auch als Buch veröffentlichen zu können.

Zum Schluss noch ein paar Sätze zu meiner Motivation dieses Projekt durchzuführen: Schon als kleines Mädchen interessierte ich mich für Politik und liebe es bis heute mit Menschen zu reden und Dinge gemeinsam zu verändern. Es fällt mir leicht auf Menschen zuzugehen, ich liebe es zu reisen und praktiziere Couchsurfing seit vier Jahren. Außerdem schreibe sehr gerne und habe auch schon einige Schreiberfahrungen gesammelt So habe ich 2008 Berlin bei den deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften in Zürich vertreten, schrieb 2009 einen Blog über mein Austauschjahr in Lettland, nahm an vielen Schreibworkshops teil und arbeitete für verschiedene lokale Zeitungen. Ich hoffe, dass meine Schreiberfahrungen mir bei meinem Projekt helfen werden.

Ich möchte meine Reise jetzt machen. Nicht nur weil Europa vor historischen Herausforderungen steht, sondern auch weil ich ein Teil der Generation bin über die ich berichten möchte und weil ich neugierig bin auf die verschiedenen Menschen und ihre Geschichten. Ich will ein Stück europäische Identität schreiben und der wirtschaftlichen Krisenberichterstattung eine neue Perspektiven entgegensetzen.

6 thoughts on “Das Projekt

  1. Pingback: Verlorene Generation | frolleineuropa

  2. Finde dein Projekt klasse und auch sehr mutig. Sich für etwas einzusetzen und das auch zu puplizieren erfordert Courage und Mut und das gibt es ja häufig zu wenig. Auch deine Auseinandersetzung mit ganz akuten Themen wie den Protesten in der Türkei finde ich beeindruckend. Wo viele Blogs (dazu gehört meiner auch irgendwie) sich mit oberflächlichen Themen beschäftigen, gehst du in die Tiefe.

    Find ich super und wünsche die viel Erfolg für deine Vorhaben!

    Liebe Grüße

  3. Ein ganz wunderbares Projekt, es gefällt mir sehr. Neben den Erfahrungen auch die Art und Weise, wie du alles beschreibst. 🙂 Ich werde deinen Blog weiter verfolgen undfreu mich so noch mehr auf meine eigene Europareise.

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